ruangrupa. Alternativer Raum & Kulturanalyse

Künstlergruppe und alternativer Kunstraum in Jakarta. Interview mit dem Leiter Ade Darmawan
Von Hendro Wiyanto | Okt 2005

Hendro Wiyanto: Vor fünf Jahren, genauer im Januar 2000, haben Sie mit einigen Kollegen in Jakarta die Gründung des "ruangrupa" ausgerufen. Was haben Sie zu der Zeit als größte Notwendigkeit empfunden?

Ade Darmawan: Die Notwendigkeit eines "Raums", physisch und mental. Diskussionen über diese Notwendigkeit hatten eigentlich bereits seit einem Jahr zwischen den Gründern (Ade Darmawan, Hafiz, Lilia Nursita, Oky Arfie, Rithmi, Ronny Agustinus und Ade Tanesia) stattgefunden. Die Diskussionen betrafen meist diesen Raumbedarf, wo Künstler intensiv arbeiten und den Blickpunkt mehr auf Analyseweisen und nicht auf Produktionsweisen richten können. Wir haben gesehen, dass die bildende Kunst nur dadurch eine kritische Sensibilität besitzen kann, und das ist die wichtige Position der Kunst in der Gesellschaft.
Wir dachten, dass es einen "Raum" geben müsste, der die Ideen der bildenden Kunst vermittelt, die sehr wichtig sind, um analysiert zu werden, um vermittelt und ausgestattet zu werden, wie public art, performance art und video art. Diese stellen Ergebnisse der heutigen kulturellen Entwicklung und visuelle Strategien dar, die bei der Auseinandersetzung und beim Hinterfragen der Phänomene sozialer, kultureller und politischer Art eingesetzt werden.
H. Wiyanto: "ruangrupa" - kleingeschrieben -, so erwähnen Sie auch, möchte die Kunst im weiteren kulturellen Umfeld aktivieren. Welche Art von Kultur meinen Sie eigentlich mit diesem Begriff?

A. Darmawan: Die Kultur, die in bedeutender Weise mit unserer heutigen oder aktuellen Lebensrealität in Verbindung steht. Wir sehen die bildende Kunst als Praxis der Kultur. Wie kann die bildende Kunst im gleichen relevanten Ideen-"Raum" wie die heutigen sozio-kulturellen Probleme verortet sein. Da wir in Jakarta sind, sind die naheliegendsten urbanen Probleme im Blickpunkt. Es tauchen verschiedene Subjekte in den Kunstprojekten und Workshops auf: Gedrucktes als Produkt städtischer Kultur, öffentlicher Raum, Wohnsiedlungen, Fotografie und sozialer Kontext, Propaganda der Stadtregierung, Transport und anderes.

H. Wiyanto: Wie werden Diskurse und die Praxis der bildenden Kunst, die mit dem kulturellen Umfeld verknüpft sind, von Ihnen in Veranstaltungen eingebracht?

A. Darmawan: Diskussionen, Brainstorming, und bestimmte Ideen beginnen meist bei sozialen und kulturellen Phänomenen oder Problemen. "Gestalt" ist eine Strategie des Ausdrucks oder der Kommunikation. Oder umgekehrt sehen wir visuelle Phänomene als sozio-kulturelle Phänomene, beziehen immer Kleinstforschungen darin ein, und dann versuchen wir dies mit Fragen und Spielereien aufzuschlüsseln.

H. Wiyanto: Sie geben auch "Karbon" heraus, ein Kunstjournal, das alle 3-4 Monate erscheint und dessen Themen mit öffentlichen Problemen zu tun haben. Stellt die Öffentlichkeit den sich im "ruangrupa" entwickelnden Hauptdiskurs dar?

A. Darmawan: Wir geben "karbon" heraus, um den Mangel an kritischen Analysen der bildenden Kunst und ihrer Beziehung zum sozio-kulturellen Kontext auszugleichen. Ja, öffentliche Angelegenheiten sind das Hauptthema, das sich im "ruangrupa" entwickelt. Der Künstler sollte sich nicht mehr selbst als 'Prophet' oder ‘Heiler' positionieren, als Zentrum des Bewusstseins und Beherrscher einer Sprache, die der breiten Öffentlichkeit nicht eigen ist oder von ihr nicht verstanden wird. Wir sehen das Verhältnis zur Öffentlichkeit eher horizontal, ineinanderfließend und nicht distanziert; sich selbst eher an die Stelle des Kollaborateurs setzend, als Ausstatter, Unterhändler und Vermittler zu sein. Mit diesem Blick haben wir keine Schwierigkeiten, in die "wirkliche" Welt des Alltags einzutreten als Hauptbestandteil der Arbeit (Kunst). Das heißt als Bestandteil der Arbeit an einem Wandbild an einer Straßenüberführung, Videoscreening auf Techno-Events, Diskussionen über die Probleme der Kunstausbildung und Propagandastrategien der Stadtregierung mit Studenten in Jakarta, bis hin zu Silkscreen-Workshops mit Gruppen von Straßenkünstlern am Stadtrand.

H. Wiyanto: Der übliche Kreis der bildenden Künstler in Indonesien weiß eigentlich nicht so viel über Sie. Vielleicht haben sie mal "ruangrupa" gehört, wissen aber nicht, womit Sie sich beschäftigen oder arbeiten. Ich bin mir auch nicht sicher, ob viele "Karbon" kennen oder lesen oder zu Ihren Veranstaltungen kommen. Sie sind scheinbar mehr außerhalb als in Ihrem eigenen Umfeld bekannt.

A. Darmawan: Oh, da liegen Sie aber falsch…. Es ist vielleicht zu verallgemeinert gesprochen, dass der Kreis der Künstler "ruangrupa" nicht kennt, umsoweniger können wir leichterdings allgemein über den Kreis der bildenden Künstler in ganz Indonesien sprechen. Wissen wir z.B. über den Kreis der Künstler in Kalimantan bescheid oder über das, was dort passiert? Aber wir sind auch kein Produkt der Industrie, das bekannt gemacht werden muss oder bekannt sein muss, und wir haben uns auch nie dahingehend angestrengt und sind nicht daran interessiert. Unser Blickpunkt liegt auf der Verbreitung und dem Austausch von Information, so weitreichend wie wir das vermögen, sowohl in Indonesien als auch im Ausland. "Karbon" versenden wir kostenlos in fast alle Kulturzentren jeder Region Indonesiens, Stellungnahmen kommen manchmal aus Orten wie Aceh. Wir bemühen uns auch ein Arbeitsnetzwerk bis in die Regionen außerhalb Javas aufzubauen. Das Bewusstsein, Arbeitsnetzwerke aufzubauen, denke ich, wird seit einigen Jahren stärker.

H. Wiyanto: Einige Male habe ich beobachtet, dass bei Ihren Veranstaltungen im "ruangrupa", z.B. bei Workshops, Künstleraufenthalten, Ausstellungen etc., lediglich junge Leute anwesend sind, die bei Ausstellungen der üblichen Galerien nicht auftauchen. Wie definieren Sie diese Gemeinschaft des "ruangrupa"?

A. Darmawan: Wir haben nie versucht eine "Gemeinschaft" aufzubauen. Wir versuchen, ein neues Publikum zu erreichen, mit schnelleren Veröffentlichungen, z.B. über Email, Radio und Jugendzeitschriften, die von der allgemeinen Kunstszene vielleicht nicht angefasst werden. Wie viele von den 15 Millionen Menschen in Jakarta kommen denn zu den Ausstellungen der bekannten Galerien? Viele Gruppen, die zum "ruangrupa" kommen, tun das aus Interesse und weil sie ihre Alltagsrealität mit unseren Veranstaltungen in Verbindung setzen können. Das zieht Leute an, nicht nur aus dem Kreis der Künstler, sondern auch Studenten, aus den Medien, Design, Musik, Architektur, kurz: der junge Zirkel, kreativ, mit offenem und unkompliziertem Denken. Wir verbreiten auch Infos in etablierten Künstlerkreisen, aber bis heute ist nicht klar, warum diese nicht so interessiert sind, vielleicht weil sie denken, das, womit wir uns beschäftigen, sei keine Kunst...

H. Wiyanto: Vor Kurzem ist eine gute Videoarbeit von einem jungen Künstler erschienen, der in "ruangrupa" aktiv ist, Reza "Asung" Afisina."Asung" (Anmerkung d. Übers: asung bedeutet aufrühren, aufhetzen) beginnt, international bekannt zu werden. "ruangrupa" hat bereits Aufmerksamkeit auf der Biennale in Gwangju erhalten, "Pause" (2002) hat sogar die Sonderauszeichnung der Unesco bekommen. Warum erhält "ruangrupa" diese Beachtung im internationalen Rahmen?

A. Darmawan: Es stimmt etwas nicht mit der Art, wie wir uns selbst identifizieren. Dies geschieht für gewöhnlich bei verschiedenen Dingen. Es gibt viele Werke, Künstler oder Kunstorganisationen (bis hin zu den Orang Utans), die offensichtlich mehr dort draußen "geschätzt" werden. Es hat sich in den letzten zehn Jahren viel in der Kunstszene der Welt verändert, viele interessante und wichtige Künstler und Organisationen/Gruppen mit Kunstveranstaltungen tauchen auf, die nicht aus dem "Zentrum" der Kunstentwicklung stammen. Eines der Phänomene sind die artists initiatives (Veranstaltungen oder Gruppen, die von Künstlern selbst organisiert werden), die meist in Ländern der Peripherie auftauchen, die sehr stark lokale Probleme aufgreifen. Dieses Phänomen macht auch das periphere Netzwerk stärker und wird wichtig bei der Entwicklung der bildenden Kunst weltweit, es wird als "Alternative" zum Zentrum oder zur mainstream-Ideen des Westens betrachtet, und dies beschäftigt die jungen Künstler jetzt natürlich.

 

Hendro Wiyanto

Unabhängiger Kurator und Kunstkritiker, Jakarta, Indonesien.

Zuerst erschienen in "Kompas", Februar 2005.
Übersetzung aus dem Indonesischen: Sabine Müller.
Übernahme aus "Kunst-Forum Deutschland - Indonesien", mit freundlicher Genehmigung des Goethe-Instituts Jakarta.

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Zeitschrift Karbon:
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Forschung und Dokumentation:
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