Okzident gesehen vom Orient

Centre de Cultura Contemp. de Barcelona, Spanien. Historische und aktuelle Werke: Europa aus der Perspektive islamisch geprägter Kulturen.
Jun 2005

In der vom tunesischen Schriftsteller Abdelwahab Meddeb kuratierten Ausstellung geht es darum, wie die westliche Welt - insbesondere Europa - in Vergangenheit und Gegenwart aus der Perspektive des islamisch geprägten Orients gesehen wurde und wird. Wie im Pressetext zu lesen ist, hätte man sich im Westen weitaus mehr mit dem Orient beschäftigt als umgekehrt. Während der Orientalismus eine kulturelle Tradition des Westens sei, erscheine der Westen nur selten in der Kunst "östlicher" (und wohl auch südlicher) Kulturen. Deshalb lud der Veranstalter, das Centre de Cultura Contemporània de Barcelona, Künstler und Intellektuelle aus diesem Kulturkreis ein, neben den historischen Exponaten der Schau ihre aktuelle Sicht des Westens zu zeigen.

In dem kulturgeschichtlich und thematisch gegliederten Rundgang soll deutlich werden, welche verschiedenen Sichtweisen und Haltungen gegenüber dem Westen jahrhundertelang zeitgleich existierten. Konflikt, Solidarität, Austausch, Faszination seien Elemente einer Hassliebe, einer Kombination von Irritation, Nacheiferung und Ablehnung. Die Organisatoren der Ausstellung wollen aber ebenso Zeichen der Nähe hervorheben, die oft nicht wahrgenommen bzw. von harten Auseinandersetzungen überschattet werden.

Um diese komplexe Situation verständlich zu machen, werden insgesamt 215 Werke in sieben Kapiteln gezeigt. In jedem davon werden Sichtweisen der Vergangenheit (12. bis 19. Jahrhundert) und der Gegenwart zusammengebracht. Historischen Miniaturen, Manuskripten, Landkarten, Gemälden und Fotografien sind zeitgenössische künstlerische Ausdrucksweisen gegenübergestellt, die Schlüssel zum Verständnis der jeweiligen Fragen und Aspekte bieten sollen.

Die zeitgenössischen Stimmen werden einerseits durch Werke von neun visuellen Künstlern repräsentiert, die ihre Sicht des Westens zeigen: Marjane Satrapi, Zoulikha Bouabdellah, Mohamed el Baz, Shadi Ghadirian, Jellel Gasteli, Bouchra Khalili, Hassan Musa, Khosrow Hassangadeh, Touhami Ennadre. Diesen sind bislang unveröffentlichte Statements von fünf Schriftstellern zugeordnet: Houda Barakât, Nilufer Gölë, Sorour Kasmaï, Daryush Shayegan, Salah Stétié.

Die 7 Kapitel der Ausstellung:

1. Al-Idrîsî. Eine Beschreibung Europas
Der Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Landkarte, die der arabische Geograph Al-Idrîsî zeichnete, als er im Dienst des christlichen Königs Roger II. von Sizilien (1105-1154) stand, der ihn mit einer systematischen Beschreibung Europas beauftragte.
Dazu ein Wandbild von Marjane Satrapi (geb. im Iran).
2. Ibn al-Munqîdh. Zwischen Dschihad und den Kreuzzügen
Der Syrer Usâma Ibn al-Munqîdh (1095-1188) repräsentiert eine islamische Sicht der Kreuzzüge. Der aufgeklärte Muslim sprach vom westlichen Anderen als von einem Feind, dem man seine Freundschaft anbieten könne.
Die Videokünstlerin Zoulikha Bouabdellah (geb. in Algerien) filmte die Ruinen der Burg seiner Famlie in Shaizar, Syrien.
3. Die Differenz in der Ähnlichkeit
Der Koran enthält Elemente der Bibel und jüdischer Texte sowie Episoden aus den Evangelien und den Apokryphen. Die religiöse Ikonographie des Islam ist davon inspiriert. Das Leben in Nachbarschaft mit Christen regte muslimische Maler an, trotz des Bilderverbots Szenen aus dem Leben des Propheten zu malen.
In einer Installation bezieht Mohammed El Baz (Marokko) das Opfer Abrahams auf den aktuellen Kontext.
4. Den Westen malen
Bei der gegenseitigen Anerkennung Europas und der islamischen Welt hat die Malerei eine wesentliche Rolle gespielt. Seit dem 15. Jahrhundert zeugen Arbeiten muslimischer Maler auf vielfältige Weise von deren Kenntnis des Westens.
Zugeordnet sind Fotos von Shadi Ghadirian (Iran).
5. Der Wunsch nach Verwestlichung
Die Faszination in der islamischen Welt für Europa geht mit der industriellen Revolution einher. Es wurde darüber debattiert, ob und wie Neuerungen des Westens zu übernehmen seien, ohne die eigenen Traditionen aufzugeben. Im Zuge der kolonialen Expansion europäischer Mächte auf die islamische Welt verschärften sich solche Kontroversen.
Drei Teilbereiche: Fotografie und Könige (Herrscherporträts); Die Modernisierung islamischer Gesellschaften; Reisen in den Westen (nach Europa).
Die Videokünstlerin Bushra Khalili (Marokko) sollte darauf mit einer Arbeit reagieren.
6. Von Liebe zu Spannungen
Sammlungen westlicher Kunst in der islamischen Welt (Ägypten und Iran).
7. Krieg der Bilder
Seit den 1920er Jahren haben sich die Konflikte zwischen pro- und antiwestlichen Strömungen in der islamischen Welt verschäft. Die schnell vorangeschrittene Nutzung moderner Medien seitens aller Parteien hat einen regelrechten Krieg der Bilder hervorgebracht.
Kommentiert und reflektiert wird dies von vier Künstlern: Hassan Musa (Sudan), Khosrow Hassanzadeh (Iran), Samira Mahkmalbaf (Iran), Touhami Ennadre (Marokko).

(zusammengestellt nach Informationen und Äußerungen im Pressetext)

Occidente visto desde Oriente
West by East

27 Mai - 25 Sept. 2005

Centre de Cultura Contemp.de Barcelona
C/ Montalegre 5
Spanien
Website Email

Kurator:
Abdelwahab Meddeb

Nafas
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