Vor der Kamera sind wir auf skandalöse Weise unfähig

Vor der Kamera sind wir auf skandalöse Weise unfähig; Essay.
Von Bilal Khbeiz | Jun 2005

Unter den vielen Unterschieden, die zwischen Quentin Tarantino und Elia Suleiman bestehen, gibt es einen, den ich näher erläutern möchte. Dieser hängt letztlich mit der geographischen und zeitlichen Verortung eines jeden zusammen. Es gelingt Tarantino, Uma Thurman vom Tod zu erwecken, bevor der Film endet. Der Tod ist nicht das Ende von irgendetwas. Diese Annahme ist im Kino allgemein verbreitet. Uma Thurman gelingt es, aus dem Grab aufzusteigen und sich zu rächen. Das sollte verständlich sein, da wir uns mit ihm insgeheim mit irgendeinem Aberglauben einverstanden erklärt haben und uns auf eine bestimmte Zeit geeinigt haben, die nämlich die auf dem Plakat ausgewiesene Dauer des Films ist.

Also wird Thurman aus ihrem Grab steigen, während der Film noch nicht zu Ende ist. Mit Elia Suleiman können wir jedoch niemanden aus dem Grab holen, oder seinen Tod als Ursache dafür nehmen, den Film zu beenden. Warum endet eigentlich der Film, solange die Handlung noch nicht abgeschlossen ist? Der Rächer rächt sich nicht, um Rache am Feind zu nehmen und die Helden leben am Ende des Films kein glückliches zufriedenes Leben. Die Thematik ist nicht abgeschlossen. Die Geographie besitzt ihre eigenen Regeln. Aber welche der Geographien betrifft es? Das sollten wir genauer untersuchen. Die Stärke des eben genannten Unterschieds hängt nicht mit der Größe der Vorstellungskraft zusammen. Es gibt keinen eigentlichen Grund, der uns davon abhält, die Vermutung aufzustellen, dass Tarantino’s Vorstellungskraft größer ist, als die von Suleiman. Dazu haben wir kein Recht. Wir entdecken aber, dass sich die Vorstellungskraft zwischen zwei unterschiedlichen Orten stark unterscheidet. Ich kann sagen, dass es bestimmte Kategorien von Vorstellungskraft gibt. Was kann man sich zum Beispiel in einem Land wie Libanon vorstellen? Wo wir doch heutzutage unter gewaltiger Angst vor der Ermordung von Schriftstellern, Denkern und Kämpfern leben? Wahrscheinlich geht unsere Vorstellungskraft nicht in jene Richtung wie die von Claude Lelouche in Paris oder sie ist so losgelöst von unserem Denken wie es bei Oliver Stone und Tarantino der Fall ist. Die Geographie beherrscht uns mit der Begrenzung der Vorstellungskraft. Aber das, was Elia Suleiman und Abbas Kiarostami beweisen, hängt andererseits mit Ereignissen zusammen, die der Fantasie näher sind.

Suleiman hält fotografisch Personen fest, die unermüdlich kämpfen, um mit der Gegenwart in Verbindung zu bleiben. Das sind reale Personen und was sie beschreiben, ist Teil ihrer tatsächlichen Erlebnisse. Indem er das alles festhält, beweist er uns, dass die Gegenwart zerbrechlich ist, so dass eine einzige kleine Explosion im Stande ist, ihre Nerven zu lähmen. Tarantino hat Glück, denn das, was in seinem Film geschieht, passiert tatsächlich nur in seinem Film, und das wissen wir auch, weil wir eine Weile nach dem Ende des Films Uma Thurman gesehen haben, wie sie sich nackt im Garten ihrer Villa sonnt, was von Paparazzi heimlich aufgenommen wurde. Das ereignete sich nach ihrem Tod im Film und ihrem erneuten Auferstehen. Die Helden von Suleiman sonnen sich eigentlich nicht. Einige Helden des israelischen Regisseurs Juliano Mer Khamis aus dem Film "Arna's Kinder" starben später sogar tatsächlich. Von ihnen blieb nichts außer den Bildern, die wir im Film sehen. Hier wird der Film kein zweites Mal wiederholt. Wir benötigen ständig tiefgründige Ereignisse aus dem Leben sowie neue Persönlichkeiten, um einen Film zu produzieren. Also kommt es darauf an, zwischen dem Stehen vor der Kamera und der Handlungsfähigkeit zu unterscheiden. Der vor der Kamera Stehende kann nicht wirklich sterben, außer wenn er wirklich nicht weiß, dass er der Kamera ausgesetzt ist. Wenn wir vor der Kamera stehen, ist es uns nicht erlaubt, zu handeln. Wir werden Schauspieler: Schauspieler ähnlich dem Tod eines fliegenden Händlers auf dem Bildschirm. Schauspieler, die in den Grenzen ihrer Fähigkeit etwas festzuhalten, gefangen sind. Schauspieler, die nicht aus ihrem Rahmen heraus können, außer wenn sie jegliches Handeln ablegen. Es gibt keinen anderen Weg, vor der Kamera zu stehen, als den, von vornherein anzukündigen, dass das, was davor abläuft, nicht zufällig und spontan geschieht, sondern schon vorher genauestens geplant wurde.

Im Libanon haben wir eine Revolution vor der Kamera geschaffen. Wir revoltierten und demonstrierten zu Tausenden zur gleichen Zeit, während uns die Kameras filmten. Trotzdem gaben wir uns damit nicht zufrieden. Die Libanesen demonstrierten auf dem Märtyrerplatz, den sie nach der Ermordung des ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri den Freiheitsplatz nannten. Sie gaben Parolen gegen das syrische Regime von sich, während sie vor den Kameras standen und sich zur gleichen Zeit auf Riesenbildschirmen sahen, die zu diesem Zweck aufgestellt wurden. In der Sekunde, als sie sich zum Demonstrieren aufmachten, sahen sie sich selbst auf den Bildschirmen. Und sie glaubten daran, die Geschichte zu verändern. Die Kamera unterliegt jedoch bestimmten Regeln. Du kannst dir nicht gleichzeitig das Leben nehmen und trotzdem lebendig sein. Du kannst nicht sterben und dich gleichzeitig fortbewegen. Sie haben Parolen gerufen, der Libanon solle leben und drückten ihre Bereitschaft aus, für die Heimat zu sterben. Aber die Angelegenheit blieb bei der Bereitschaft allein. Sie konnten nicht vor der Kamera sterben und gleichzeitig ihre Bereitschaft zum Sterben ausrufen. Sie hatten nur eine Alternative: entweder eine Tötung zu organisieren oder sich vor den im Glücksrausch filmenden Kameras gemeinschaftlich das Leben zu nehmen. Und hier liegt die Ursache, welche die Kameras von ihren eigentlichen Aufgaben abhält und sie mit den Gewissensbissen der Tötenden selbst leben lässt. Es sei denn, sie kündigen ihre Bereitschaft zu sterben an, ohne wirklich zu sterben. Als die Libanesen ihre Bereitschaft zu sterben aussprachen, glaubten sie zwar, zu kämpfen und sich zu opfern, also wirklich zu sterben, zu kämpfen oder sich zu opfern. Die Kamera jedoch, die sie zu Zuschauern und gleichzeitig zu Schauspielern machte, erlaubt es den Toten nicht zu sterben und den Kämpfenden nicht zu kämpfen, es sei denn, sie wissen nicht, dass sie gefilmt werden. Es gibt also eine gegenseitige Nichtwahrnehmung: entweder trifft die Kamera ein, um sie als hingeworfene Leichen auf dem kalten Boden vorzufinden oder sie erwischt sie genau dann, wenn sie kämpfen oder sterben, ohne dass sie es mitbekommen. Die Beziehung zwischen der Tat, des Veränderns und der Kamera ähnelt der zwischen Katz und Maus. Jede Seite versucht, der anderen zu entfliehen. Es ist grundsätzlich nicht möglich, dein Land oder deine Kleidung vor der Kamera zu wechseln, außer wenn das im Film "Viva Zapata" von Marlon Brando stattfindet. Einzig im Film, wo eine übermäßige Vorstellungskraft möglich ist, können wir unsere Kleidung vor der Kamera ablegen.

Im Vergleich dazu liegt genau hier der Unterschied der Filme von Suleiman. Diejenigen, die der Kamera ausgesetzt sind, sind handlungsunfähig. Sie wollen ein Dokument und ein Beweisstück darstellen. Im Film von Tarantino jedoch wollen sie die unendliche Vorstellungskraft bezeugen. Vor der Kamera ist man eines von zwei Dingen: entweder ein Beweisstück, das nicht fähig ist, irgendetwas zu beweisen, oder ein Schauspieler, der nichts anderes macht, als das herzustellen, was das Auge sehen kann. Im Libanon konnten wir bisher die fabrizierte Vorstellungskraft nicht mit den lebendigen Fakten in Einklang bringen. Das Beste, was wir bisher schafften, ist, dass wir vor den Kameras standen, ohne Schauspieler zu sein. Wir sahen uns selbst, als würden wir träumen. Wir sahen uns, wie wir etwas veränderten, kämpften und starben. Wir veränderten, kämpften und starben jedoch nicht wirklich. Die Schlafenszeit ist vorbei und wir erwachten, um bittere Realitäten vorzufinden, um zu entdecken, dass wir in Lethargie vor der Kamera versunken waren. Uns blieb nichts anderes übrig, als diese unbeholfenen Träume zu enthüllen.

 

Bilal Khbeiz

* 1963 Kfarchouba, Libanon. Lebte in Beirut, Libanon; seit 2008 im Exil in Los Angeles, USA.

(Aus dem Arabischen: Riem Tisini)
Nafas
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