Ebtisam AbdulAziz

Eine Videoinstallation und Fotoarbeit der Künstlerin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Von Mahita ElBacha Urieta | Jul 2005

Ebtisam AbdulAziz traf ich zum ersten Mal, als ich im Herbst 2004 nach Sharjah kam, um für die 7. Sharjah Biennale zu arbeiten. Ich sah sie täglich im Sharjah Kunstmuseum und bei nahezu allen lokalen Kunstveranstaltungen, denn sie ist eine der aktivsten und dynamischsten Künstlerinnen der Vereinigten Arabischen Emirate.

Ebtisam AbdulAziz wurde in Sharjah geboren, wuchs dort auf und hat einen Hochschulabschluss in Mathematik und Wissenschaften. Seit den 1990er Jahren ist sie künstlerisch tätig und experimentiert mit Malerei und Medien. Sie ist Mitglied der Gesellschaft der Schönen Künste der Emirate und im Herausgeberkomitee von deren Publikation Tashkil. Um Informationsdefizite in den Emiraten hinsichtlich des internationalen Kunstgeschehens auszugleichen, übersetzt sie Essays über Kunst und Kunsttheorie aus dem Englischen ins Arabische. Außerdem schreibt sie regelmäßig über Kunst für Zeitungen des Landes und organisiert in Sharjah und Dubai gemeinsam mit anderen Künstlern Kunstveranstaltungen und -initiativen. Arbeiten von ihr waren in diversen Gruppenausstellungen in den Emiraten zu sehen, vor kurzem erst in der 7. Sharjah Biennale.

Als ich sie nach ihren frühesten künstlerischen Erfahrungen fragte, erinnerte sie sich daran, wie ihr Vater sie in ihrer Kindheit ermutigte: "...mein Vater war kreativ tätig und liebte das Zeichnen, aber er selbst wollte nie Künstler sein. Stattdessen versorgte er meine Geschwister und mich mit Künstler- und Bastelmaterialien und zeichnete gemeinsam mit uns. Das wird schon sehr dazu beigetragen haben, dass ich Künstlerin geworden bin."

Über ihre Erfahrungen als Teilnehmerin der 7. Sharjah Biennale 2005 sagte Ebtisam: "Zum ersten Mal überhaupt nahm ich an einer Biennale teil, und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in einem solch vielgestaltigen Ensemble von Werken vertreten sein durfte und dass ich die Gelegenheit hatte, bei den Vorträgen und Diskussionen des Symposiums anwesend zu sein. Für uns als Künstler der Emirate ist es wichtig, solche Kunst zu sehen, denn das bereichert unser eigenes Schaffen und fördert unsere kreative Entwicklung."

Bei der Biennale hatte Ebtisam zwei Räume im Sharjah Kunstmuseum zur Verfügung. In ihrer Videoarbeit "Vision und Illusion" zeigte sie einen Lichtkasten für Sehtests und dazu den Dialog zwischen dem Optiker und einem Patienten: das fortwährende, monotone Lesen von Buchstaben. "Ich habe diese Arbeit so präsentiert, dass sich die Besucher zunächst durch einen engen, beinahe mysteriösen Gang in die Dunkelheit vortasten mussten und die Projektion erst nach einer gewissen physischen Anstrengung sehen konnten. Durch die quasi diktatorische Natur meiner Installation und dadurch, dass die Besucher sich einen ungewissen Weg entlang zu bewegen hatte, wollte ich auf die diktatorische Manipulation von Menschen durch bestimmte Herrscher anspielen. Meine Arbeit ist im Grunde das, worum sich die Betrachter bemühten, und als Künstlerin nahm ich eine Machtposition ein, die ich dazu benutzte, die Erfahrung der Besucher mit meinem Werk zu dirigieren. In 'Vision und Illusion' geht es um die Ungewissheit, die zwischen Menschen und Herrschaftssystemen existiert, aber auch darum, wie zwei Menschen versuchen, sich miteinander auszutauschen. Das bezieht sich auf die verborgenen Bedeutungen in der Kommunikation und auf das Vorenthalten von Informationen durch in Machtpositionen befindliche Menschen und Systeme."

Ebtisams zweite Arbeit bei der 7. Sharjah Biennale hat den Titel "Zahl und Lebenszeit". Sie präsentierte zwei große Fotografien von Händen und ein alphabetisch geordnetes Archiv hunderter Fotos von Händen, jedes davon versehen mit wenigen Angaben zum Modell der Künstlerin (z.B. Geburtsdatum), so dass die Betrachter eingeladen sind, eine eigene Vorstellung von der Person, deren Hand fotografiert wurde, zu entwickeln. Ebtisam schuf dieses Archiv während der zwei Monate vor der Eröffnung der 7. Sharjah Biennale. Dazu sprach sie Menschen auf der Straße an und besuchte viele Büros und Institutionen. Sie wollte ein breites Spektrum von Menschen mit unterschiedlichem Background und aus diversen Berufen aufnehmen. "Ich wollte die Spuren von Zeit, Tätigkeiten und persönlichen Geschichten an den Händen der Menschen zeigen und ein Archiv schaffen, dass die Lebensalter und sozialen Unterschiede eines Teils der Bevölkerung von Sharjah widerspiegelt. Dabei ging es mir vor allem um solche Unterschiede, wie die zwischen alt und jung, gesund und körperlich behindert, Angehörige höherer sozialer Schichten und Arbeiter, die ein schwieriges Leben haben und extrem harte Tätigkeiten verrichten müssen. Hände können viel von einer Person offenbaren, und die Spuren der vergangenen Lebenszeit scheinen eine Hand dauerhaft zu prägen." Während der Eröffnung der 7. Sharjah Biennale richtete Ebtisam in ihrem Ausstellungsraum ein improvisiertes Studio ein und fotografierte die Hände von Besuchern, die sie ihrem Archiv hinzufügte.

 

Mahita ElBacha Urieta

Lebt in London. Kuratorin, Produzentin von Kunst- und Kulturprojekten, u.a. Koordination bei der 7. Sharjah Biennale 2005.

(Aus dem Englischen: Binder & Haupt)

Vision und Illusion, 2005 Videoinstallation

Zahl und Lebenszeit, 2005
Installation, Aktion, Fotografie

Nafas
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