Wong Hoy Cheong, Re:Looking

Videoinstallation des malaysischen Künstlers: fiktive Geschichte einer 250jährigen Kolonialherrschaft Malaysias in Österreich.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Dez 2004

Die Pressevorbesichtigung der letzten Biennale von Venedig im Juni 2003 war eine Qual. Während der heißesten Tage in Norditalien seit 200 Jahren hatte man sich in der Masse des Fachpublikums durch eine nie dagewesene Zahl an Exponaten zu kämpfen. Allein in den 10 Hauptausstellungen waren über 300 Künstler vertreten. Es gibt nicht viel, was einem aus dieser Überfülle nachhaltig in Erinnerung bleibt. Zu den Arbeiten, die bei uns einen tiefen Eindruck und ein anhaltendes Interesse hinterlassen haben, gehört die Videoinstallation "Re:Looking" von Wong Hoy Cheong in der von Hou Hanru kuratierten Schau "Z.O.U." (siehe Fotos 1).

In "Re:Looking" inszeniert Wong Hoy Cheong die fiktive Geschichte der Kolonialherrschaft des Königreichs Malaysia über Österreich. Den Rahmen bildet ein (vermeintlich) malaysisches, gutbürgerlich eingerichtetes Wohnzimmer aus heutiger - also "nachkolonialer" - Zeit. Alles an den Wänden und in den Vitrinen, was einem aus europäischer Perspektive auf den ersten Blick bekannt vorkommt, erscheint bei näherer Betrachtung als Erinnerungsstücke, Trophäen und "Exotica" aus der einstigen alpenländischen Kolonie. Im Fernsehen läuft eine Dokumentation des Senders MBC (Malaysian Broadcasting Corporation - ebenfalls eine Erfindung von Wong) über das Nachwirken der malaysischen Herrschaft im postkolonialen Österreich. Diese kommt so seriös und überzeugend daher, dass man als unvorbereiteter Besucher anfangs, als über die frühen Entdeckungsreisen malaysischer Seefahrer berichtet wird, noch glaubt, die eigenen historischen Kenntnisse hätten Lücken. Als es dann aber darum geht, wie es dem Königshaus Malaysias gelang, sich in Europa als Kolonialmacht zu etablieren, wird man stutzig und merkt, dass die Kolonialgeschichte hier als invertierte Fiktion persifliert wird. Ein drittes Element dieser Arbeit von Wong Hoy Cheong ist eine Website: die ebenfalls mit objektivem Anspruch daherkommende, "offizielle" Information des Fernsehsenders MBC zur Dokumentation.

Im September 2004 wurde "Re:Looking" in der Galerie von Alexander Ochs in Berlin gezeigt, wozu der Künstler angereist war. Wir nutzten die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Wong Hoy Cheong über seine Arbeit, das wir anschließend via Email fortsetzten:

Haupt & Binder: Wer deine fiktive Dokumentation über die malaysische Herrschaft in Österreich sieht, mag sich darüber wundern, weshalb du ausgerechnet dieses europäische Land ausgewählt hast. Immerhin ist Österreich in Asien nie direkt als Kolonialmacht aufgetreten, wie z.B. Portugal, Großbritannien oder die Niederlande, bei denen es plausibel erscheinen würde, sich auf mit einem solchen Projekt zu revanchieren. Warum muss bei dir gerade das kleine Österreich für all die anderen Kolonialherren herhalten?

Wong Hoy Cheong: Ich war nach Wien eingeladen worden, um mit dem dortigen Schauspielhaus und dem Theater ohne Grenzen ein Projekt über eine neue Lesart von Marco Polo zu entwickeln. Als ich darüber nachdachte, fiel mir ein, die Rolle Marco Polos zu invertieren, so in der Art eines Ibn Batutta [1] des 21. Jahrhunderts. Und warum sollte es nur ein Forschungsreisender sein? Die symbiotischen Beziehungen zwischen Entdeckern und Kolonisatoren sind bestens belegt. Also warum nicht die Rolle des Kolonisators spielen?

So entwickelte ich die Idee, dass Österreich 200 Jahre lang unter der Kolonialherrschaft Malaysias gestanden hätte. Aber warum Österreich? Zum einen deshalb, weil dieses kleine Land in den Nachrichten aus aller Welt nicht oft auftaucht und man demzufolge anderswo kaum etwas über seine Historie weiß. Es erschien mir ohnehin besser, ein wenig bekanntes Land zu wählen, da es in dem Video um ein wirklich großes Thema geht - den Kolonialismus. Wenn ich eine der typischen Kolonialmächte, wie Großbritannien, Holland oder Japan, genommen hätte, wäre mir das zu vordergründig gewesen. Dass auch Österreich eine bedeutende Kolonialmacht war, nicht in Übersee, sondern in Ost- und Südosteuropa, ist heutzutage nicht mehr vielen Menschen bewusst. Aber die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie ist eben gerade durch ihre koloniale Expansion bis zum 1. Weltkrieg der zweitgrößte Staat Europas gewesen. [2]

Malaysia ist ein islamisches Land. Und Österreich hatte in seiner Geschichte sehr gespannte Beziehungen zu Muslims. Das Ottomanische Reich belagerte Wien zweimal vergeblich. Wie könnte man als "Kolonialist" besser eine Phobie provozieren und unterminieren, als zu behaupten, Österreich sei 200 Jahre lang von Muslims kolonisiert gewesen. Kolonialismus und selbst der Imperialismus in unserer heutigen Zeit funktionieren auf sehr ähnliche Weise - ob es sich dabei um Großbritannien, die USA, Österreich, Japan etc., handelt, ist im Grunde unwichtig.

H&B: Wie ging es mit "Re:looking" weiter, seit es als Teil von "Marco Polo Wunderwelt" am Wiener Schauspielhaus präsentiert wurde?

WHC: Nachdem das Video "Re:Looking" dort als Projektion gezeigt wurde, war die erste Version auch in der Kunsthalle Wien auf einem Fernsehgerät, das auf einem Sockel stand, zu sehen. Ich war mit dieser Art der Präsentation nicht glücklich. Ich habe das Video ja vielmehr als Dokumentarfilm oder Nachrichtensendung angelegt, die jemand zu Hause in seinem Wohnzimmer anschaut.

Zur selben Zeit lud mich Hou Hanru ein, diese Arbeit in der Biennale von Venedig zu präsentieren (siehe Fotos 1), und so begannen wir darüber zu diskutieren, wie das Projekt transformiert und erweitert werden könnte. Es wurde ein fiktives Wohnzimmer aufgebaut, mit gefälschten visuellen Geschichten, wie Gemälden, Fotos, Büchern, etc.. Das Video "Re:Looking" erschien nun als Produkt einer angeblichen "Malaysian Broadcasting Corporation" (MBC), und deshalb entwickelte ich auch eine gefakte MBC-Website [www.relooking-mbc.com].

Die erste Fassung des Videos selbst unterschied sich wesentlich von derjenigen, die in Venedig gezeigt wurde (dann erneut in Österreich sowie in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Dänemark und nun auch in Kuala Lumpur). Die erste Version war nicht so sehr in der Art einer Nachrichtensendung, die einzelnen Einstellungen dauerten länger. Ich wollte einen schnelleren Rhythmus, es sollte mehr nach Nachrichten aussehen. Deshalb habe ich viele Szenen in Österreich und in Malaysia noch einmal aufgenommen, und die wahrscheinlich entscheidende Neuerung ist Arifwaran Shaharuddin (der bei vielen Sequenzen mit Regie führte) als Nachrichtensprecher in einem Blue-Screen-Studio. Das hat den Charakter als Dokumentation glaubhafter werden lassen.

H&B: Wie lief die Arbeit mit den Schauspielern ab? Hast du ihnen ein Skript gegeben oder haben sie ihre Antworten improvisiert?

WHC: Ich habe typische Charaktere entwickelt, z.B. Migrant, Soziologe, politischer Kommentator, kulturell und mental kolonisierte Einheimische, den zornigen Post-Kolonialen. Ich bat Arifwaran Shaharuddin den Interviewer und Gastgeber des Programms zu spielen. Er ist der einzige ausgebildete Schauspieler bei diesem Projekt.

Alle anderen sind also Laien, und das ist genau das, was ich wollte; sie sollten frisch, herausfordernd wirken. Keiner der "Darsteller" in Österreich ist jemals in Malaysia gewesen. Auch ein Skript wollte ich nicht haben. Es wäre sehr schwierig gewesen, wenn ungeübte Darsteller die Rollen eines Drehbuchs lernen und spielen sollten. Ich dachte, es würde unnatürlich wirken. Nach meinem Dafürhalten war Improvisation die beste Lösung.

Wie wir beim Filmen vorgegangen sind? Zunächst instruierte ich die Interviewpartner über den Charakter, den sie zu verkörpern hätten. Dann wurden sie vom Team, drei bis vier Leuten, besucht. Arifwaran unterhielt sich mit ihnen über ihre Rolle und den Verlauf des Interviews, während ich mir das Ambiente anschaute und überlegte, wie es entsprechend zu inszenieren sei. Am folgenden Tag kehrten wir zurück, arrangierten den Raum, kostümierten den Interviewpartner und legten sofort los. Arifwaran hat eine wunderbare Art, mit Laiendarstellern zu arbeiten. Er kann eine nervöse Dreizehnjährige entspannt machen und andererseits bei einem abgeklärten Universitätsprofessor die nötige Anspannung erzeugen.

H&B: Europäischer Betrachter nehmen vor allem die kritische Ironie gegenüber den europäischen Kolonisatoren wahr. Hinterfragst du aber auch Aspekte der Geschichte und aktuellen Situation Malaysias?

WHC: Ja, meine Absicht bei dieser Arbeit ist auch, das Bewusstsein für Wahrheit und Fälschung in der allgemein bekannten Geschichte beider Seiten - der "Kolonisator" und der "Kolonisierten" - zu schärfen. Für Malaysier ist sie sogar noch verstörender. Einige Leute fanden die Tatsache, dass Malaysia mit seiner realen Geschichte - in der es einst kolonisiert, d.h. zum Opfer, wurde - hier nicht in der Opferrolle erscheint, politisch inkorrekt. Die Erfahrungen der gefakten "weißen" österreichischen Migranten, die von Malaysiern ausgebeutet und marginalisiert werden, ähnelt erschreckenderweise der von Tausenden "schwarzer" Gastarbeiter aus Indonesien, Bangladesch, den Philippinen, Myanmar, etc.. Mit etwa 2 Millionen legalen und illegalen Gastarbeitern hat Malaysia die höchste Quote ganz Asiens. Diese beiden genannten Aspekte haben vor allem einige Bürokraten in Institutionen gestört, bei denen ich Fördermittel beantragte, um das Projekt für die Biennale in Venedig zu überarbeiten.

H&B: In welcher Beziehung steht "Re:looking" zu deiner früheren künstlerischen Arbeit?

WHC: Ich denke, "Re:looking" war in vieler Hinsicht der Abschluss eines Kapitels. Es vervollständigt eine Werkgruppe, ein Nachdenken und eine Arbeitsmethode, die mich 10 Jahre lang beschäftigt haben. Dabei ging es u.a. um Migration, kolonial/postkolonial, das Aufspüren verlorener Geschichten und politischer Ereignisse. Und hinsichtlich der Form und der Ästhetik sind es das Erkunden neuer Materialien und Medien für meine Kunst, das Dekonstruieren visueller und textueller autoritärer Formen sowie ein ironischer Humor zwischen Fakten und Fiktionen.

H&B: Was sind deine aktuellen Vorhaben?

WHC: Ich mache erst mal eine Pause. Dann geht es weiter mit einigen neuen Projekten in China und Singapur. Ich will auch das Projekt "mind the Gap" vervollständigen, das darin besteht, eine gefakte Landkarte zu erstellen, die Georgetown/Malaysia und London/England miteinander vermischt. Einige neue Ausstellungen im Ausland sind ebenfalls in Planung.

Anmerkungen:

  1. Muhammad ibn Abdallah ibn Battuta, auch bekannt als Shams ad Din. Berühmter muslimischer Reisender, geboren 1304 in Tanger, Marokko - gestorben um 1369 in Fez, Marokko. Begann als 21-jähriger ein 30 Jahre andauerndes Wanderleben. Bereiste u.a. Nord- und Ostafrika, den Nahen Osten, die arabische Halbinsel, die Regionen am Persischen Golf, den Kaukasus, Südrussland, Indien, die Malediven, China, Andalus (heutiges Spanien). Auf Geheiß des marokkanischen Sultans diktierte Ibn Battuta einem Gelehrten seine Reiseberichte, die als "Rihla" (Reisetext, ein Genre der islamischen Literatur) erschienen sind.
  2. Österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, die sogenannte "k.u.k. Monarchie" - kaiserlich und königliche Monarchie; existierte 1867 - 1918. Der Habsburger Franz Joseph I. war Kaiser von Österreich und ab 1867 zugleich König von Ungarn. Beide Länder blieben jedoch innenpolitisch autonom.

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

Re:Looking. 2002 - 2004
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