Den Nahen Osten kuratieren: Von Napoleon bis heute

Von Napoleon bis heute. Historisch-kritische Anmerkungen.
Von Gilane Tawadros | Feb 2004

Der Appetit auf zeitgenössische Kunst aus dem Nahen Osten scheint derzeit unstillbar zu sein. Aber was steht hinter diesem gegenwärtigen Interesse der Kunstwelt? Ist Kunst aus dem Nahen Osten einfach nur der "Geschmack des Monats", der vorhergehende Passionen für die Kunst aus Lateinamerika, Afrika, und ganz zuletzt China in den Schatten stellt? Oder gehört das zu einem tieferen historischen und kulturellen Engagement? Einer der verblüffendsten Aspekte zeitgenössischer Repräsentationen aus dem Nahen Osten ist die vorwiegende Abwesenheit eines erhellenden historischen Kontextes oder einer kritischen Selbstreflexion seitens der Kuratoren und Kritiker (und ebenso der Künstler) hinsichtlich des aktuellen Interesses für die Kunst aus dieser Region. Ich möchte aber behaupten, dass wir nur in einem historischen und politischen Kontext beginnen können zu verstehen, was jetzt passiert.

Wie der unersetzliche Kritiker und Kommentator Edward Saïd vor mehr als 25 Jahren in seinem einflussreichen Buch "Orientalism" bemerkte, ist die französische Invasion in Ägypten 1798 durch eine Armee von Orientalisten und Künstlern konsolidiert und verstärkt worden, die mit der gewaltigen Aufgabe betraut waren, jeden Aspekt des damaligen Ägyptens zu ordnen, zu illustrieren und zu dokumentieren, was in Napoleons epische Publikation "Description de l'Egypte" einging. Im Zentrum von Napoleons Projekt stand die visuelle Vermessung des Orients, seine detaillierte Erfassung durch visuelle Künstler mit dem Ziel, ihn "der europäischen Untersuchung völlig zugänglich zu machen". Gut 50 Jahre später brachte das Aufkommen des Ferntourismus, dessen Vorreiter Thomas Cook - die erste Reiseagentur der Welt - war, zuerst Reisende, jetzt "Touristen", in den Nahen Osten und das Heilige Land, um seine Myriaden an Orten und Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und aufzunehmen (in Gemälden, Grafiken und der neuen Technologie der Fotografie). Zu jenem Zeitpunkt war der imperiale Kampf zwischen Frankreich und Großbritannien um Gebiete in der Region weitgehend beigelegt und das ehemalige Ottomanische Reich zwischen den beiden Supermächten aufgeteilt.

In den Jahrzehnten seit dem 2. Weltkrieg, im Gefolge von De-Kolonisierung und nationalen Selbstbestimmung im Nahen Osten, sind die Imperien Frankreichs und Großbritanniens geschrumpft und durch neue Formen der Okkupation ersetzt worden, die nicht direkt oder im Wortsinne territorial sind, sondern über territoriale Grenzen hinausgehen und die Bewegung von Menschen, Waren, Währungen - und natürlich kultureller Produkte - über nationale Grenzen hinweg auslösen. Als Teil dieser neuen globalen Ökonomie bewegen sich Kunstwerke wie auch Künstler, Kuratoren und Kritiker über nationale Grenzen hinweg (mit unterschiedlichen Schwierigkeiten, je nachdem, woher sie stammen), werden gehandelt, ausgetauscht und akkumulieren beim Reisen ökonomische Werte. Aber Reisen (und Tourismus) hängt immer noch von den Rohstoffen Öl und Gas ab, die dieser Bewegung von Menschen und Gütern als Treibstoff (buchstäblich) dienen. Ist es ein Zufall, dass die jüngsten Konflikte in vor allem in solchen Gebieten des Nahen Ostens ausbrachen und ausgetragen werden, in denen es die größten Vorkommen an Öl gibt? Ist es denn auch ein Zufall, dass die militärische Wiederbesetzung des Nahen Ostens durch die neue imperiale Macht, die USA und ihre Verbündeten, von einem neuerlichen Interesse an der Kultur des Nahen Osten begleitet wird? Ebenso wie Napoleon 1798 mit seiner Armee von Akademikern, Wissenschaftlern und Künstlern eintraf, um Ägypten und seine Kulturen zu erfassen, bringen 200 Jahre später Flugzeuge eine Armee von Kuratoren nach Teheran, Beirut und Kairo, um die zeitgenössische Kunst des Nahen Ostens zu "entdecken" und sie dem europäischen Publikum "völlig zugänglich zu machen".

 

Gilane Tawadros

Kuratorin und Kunstpublizistin; geboren in Kairo, lebt in London. Gründungsdirektorin des Institute of International Visual Arts (inIVA) und Kuratorin der Fotobiennale in Brighton 2006.

(Aus dem Englischen: Binder & Haupt)

Gilane Tawadros
* Kairo, lebt seit 1970 in Großbritannien. Studierte Kunstgeschichte an der University of Sussex und Film an der Université de Paris IV (Sorbonne-Nouvelle).

Arbeitete in verschiedenen Institutionen und Organisationen für Kunst, u.a. Photographers' Gallery und Hayward Gallery in London. Seit 1994 die erste Direktorin des inIVA (Institute of International Visual Arts).
Kuratorin vieler Ausstellungen, u.a. "Fault Lines: Contemporary African Art and Shifting Landscapes", Teil der 50. Biennale Venedig, 2003.
Zahlreiche Publikationen über zeitgenössische Kunst.

Nafas
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