Eine neue Generation aufbauen

Mohammed Kazem und Khalil Abdul Wahid aus Dubai über die Unterstützung junger Künstler.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Jul 2004

Während unseres Besuchs bei Hassan Sharif in Dubai (siehe Beitrag [1]) war die Situation der jungen Künstlergeneration in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein wichtiges Thema. Er selbst engagiert sich seit vielen Jahren für deren Förderung, so z.B. durch das Art Atelier im Youth Theater and Arts in Dubai, das er 1987 gründete. Mittlerweile folgen jüngere Kollegen seinem Vorbild, leiten Workshops, organisieren Ausstellungen und beeinflussen das Geschehen neuerdings auch über Leitungspositionen in der nationalen Künstlervereinigung. Zwei der aktivsten, Mohammed Kazem und Khalil Abdul Wahid, trafen wir bei Hassan Sharif. Sie gehören dem neuen Vorstand der Emirates Fine Arts Society an, Mohammed als stellvertretender Vorsitzender und Khalil als Verantwortlicher für Veranstaltungen.

Mohammed Kazem hatten wir schon bei der letzten Sharjah Biennale im April 2003 kennengelernt. Dort ist er kaum zu übersehen gewesen, denn eine seiner autobiographischen Selbstinszenierungen war als zentrales Werbemotiv der Biennale allgegenwärtig. Seiner Vorliebe für neue Medien entsprechend, zeigte er in der Ausstellung eine Videoinstallation und Fotos zu einer Aktion. Er hatte Holzschilder mit Ortskoordinaten, erstellt mit modernster Satellitennavigation, ins Meer geworfen, wo sie in der Ortlosigkeit verschwanden. Kazem gehört als jüngstes Mitglied zu der von Hassan Sharif gegründeten Gruppe der Fünf [2].

Auch Khalil Abdul Wahid arbeitet seit 2002 mit Video, setzt aber parallel dazu seine Malerei fort. In einer Videoprojektion letztes Jahr bei der Sharjah Biennale verband er beides: die Kamera folgt in extremer Großaufnahme den schnellen Bewegungen eines Pinsels, wodurch man beim Betrachten das Gefühl bekommt, das Gleichgewicht zu verlieren, und in einen Taumel gerät.

Seit 1999 trägt Mohammed Kazem die Verantwortung für den von Hassan Sharif initiierten und bis dahin geleiteten Sommerworkshop des Dubai Art Ateliers, das dem zentralen Bildungsministerium der Emirate untersteht. Um die immer zahlreicheren Teilnehmer betreuen zu können, kam Khalil Abdul Wahid nach der Rückkehr von einem Studium im Ausland hinzu. Beide wiesen ausdrücklich darauf hin, dass im Workshop kein einseitiges Lehrer-Schüler-Verhältnis herrscht, sondern man vielmehr von- und miteinander lernt. Derzeit nehmen etwa 45 Personen regelmäßig daran teil, von denen die meisten nicht aus dem Kunstbereich kommen und, bis auf Ausnahmen, zwischen 14 und 30 Jahre alt sind. In der Regel kommen die Studenten zweimal pro Woche zum Kurs, wo sie auch das zur Diskussion stellen, was sie zwischenzeitlich zu Hause gemacht haben.

Mohammed und Khalil betonten, dass es in den Workshops nicht nur um das Erlernen künstlerischer Techniken geht. Es solle das Sehen überhaupt und die Aufmerksamkeit für alles, was um einen herum geschieht, sensibilisiert werden. Sie zeigen Dias zur Kunstgeschichte, stellen Werke anderer Künstler vor, empfehlen Bücher und diskutieren darüber. Durch Interviews sollen die Kursteilnehmer dazu gebracht werden, sich zu ihren Arbeiten zu äußern. Zur Ausbildung gehört auch das Ausrichten von Ausstellungen, einschließlich der Herausgabe kleiner Kataloge. Die Kursleiter ermutigen die Studenten, sich den Aktivitäten der Emirates Fine Arts Society anzuschließen, und hoffen, dass sich einige von ihnen eines Tages als Kuratoren profilieren und das Kunstgeschehen des Landes noch besser organisieren und vermitteln.

Bemerkenswert und sehr wichtig sei, dass viele Mädchen und Frauen an den Workshops teilnehmen. Manch einer würde das für Zeitverschwendung halten, weil sie oft nur kurzzeitig kommen könnten und sich dann wieder ihrer traditionellen Rolle im Haus und bei der Familie zu fügen hätten. Aber selbst wenn sie nur kurz mitmachten, sei dies eine Erfahrung, die sie lange begleiten und später die Erziehung ihrer eigenen Kinder positiv beeinflussen würde. Und immerhin: vor 15 Jahren sei es noch undenkbar gewesen, dass Mädchen und Frauen zu Kunstkursen gehen und dort gemeinsam mit Jungen bzw. Männern arbeiten. Im Kunstgeschehen der Emirate sind Frauen heutzutage immer stärker präsent, sogar im Vorstand der Emirates Fine Arts Society.

Mit 10 Studenten des Sommerworkshops bereitet Mohammed Kazem für November 2004 eine Ausstellung u.a. mit Videokunst, Installation, Malerei vor. Sie wird in der Dubai Media City gezeigt, einem riesigen Komplex für die Medienindustrie, wo gegenwärtig etwa 850 Unternehmen mit über 5.000 Angestellten angesiedelt sind. Finanziert wird das Ganze privat durch einen Hauptsponsor und weitere lokale Unternehmen, was ein Novum ist. Hinter diesem Projekt steht eine weiterreichende Überlegung. Da bei der nächsten Sharjah Biennale im Frühjahr 2005 nicht wieder nur dieselben Namen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wie bei der letzten Edition vertreten sein sollen, suchte Kazem 10 junge Künstlerinnen und Künstler aus, die als potenzielle Teilnehmer in Frage kommen. Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung in der Dubai Media City erhalten sie eine Art Leistungskurs, der sie für größere Aufgaben qualifizieren und ermutigen soll.

Andererseits soll die Schau auch ein Test im Hinblick auf das Publikum sein. Wie Mohammed Kazem sagte, sei die Kluft zwischen Kunst und Publikum, die es natürlich auch anderswo gibt, in den Emiraten auf Grund der in den Schulen fehlenden Kunstausbildung besonders groß. Deshalb sei es eine Aufgabe der Künstler selbst, ihre Mitbürger und vor allem die Jugendlichen für Kunst zu interessieren und an neue Ausdrucksweisen und Konzepte heranzuführen.

Mohammed Kazem und Khalil Abdul Wahid wollen uns über ihre Aktivitäten auf dem Laufenden halten, so dass wir in den nächsten Ausgaben dieses Online-Magazins mehr darüber berichten werden.

Anmerkungen:

  1. Hassan Sharif, Artikel in diesem Magazin, Juli 2006
  2. Gruppe der Fünf: Hassan Sharif (Gründer), Hussain Sharif, Abdullah Al Saadi, Mohammed Ahmed Ibrahim, Mohammed Kazem

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

Nafas
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