Gahnama-e-Hunar

Einzige Kunstzeitschrift in Afghanistan. Ein Gespräch mit dem Herausgeber Rahraw Omarzad.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Feb 2004

Rahraw Omarzad (geb. 1964) beschäftigt sich mit der Kunst und Kunstvermittlung aus verschiedenen Perspektiven, die er in seine im Jahr 2000 gegründete Zeitschrift einbringt. Er absolvierte eine künstlerische Ausbildung an der Universität Kabul (1981-1985), wo er anschließend seine Tätigkeit als Lehrer begann. Erste Erfahrungen mit Publikationen sammelte er als Illustrator und Gestalter von Lehrbüchern der Taubstummensprache für eine NGO. Nachdem die sowjetischen Besatzungstruppen 1989 aus Afghanistan abgezogen waren und die Mujaheddin 1992 Kabul eingenommen hatten, kam es zu heftigen Kämpfen zwischen den verschiedenen Lagern. Deshalb schloss sich Omarzad 1993 seinem Arbeitgeber (der NGO) an, als dieser nach Peshawar in Pakistan umzog. Dort arbeitete er dann auch für Zeitschriften und setzte seine Lehrtätigkeit an einer Kunstschule fort.

Im September 1996 eroberten die Taliban Kabul und erließen ihre rigiden Verordnungen. Verboten waren u.a. Musik, Tanz, Theater, Film und Fernsehen, Kameras, Fotografien und Bilder von Menschen und anderen lebenden Wesen, Skulpturen, Magazine, Zeitungen, die meisten Bücher, Hochzeits- und andere Feiern, Ziervögel, Kinderspielzeug, Applaus, quietschende Schuhe... Das kurz hinter der Grenze auf pakistanischer Seite gelegene Peshawar füllte sich mehr und mehr mit Flüchtlingen, darunter auch vielen Künstlern, die sich gezwungen sahen, ihr Land zu verlassen.

Ermutigt durch seine einschlägigen Erfahrungen im Verlagswesen begann Omarzad, gemeinsam mit Kollegen aus der Heimat die erste wirklich unabhängige Kunstzeitschrift Afghanistans zu konzipieren. Zwar hatte es schon früher ein Magazin des Künstlerverbandes gegeben, doch stand dieser unter der Kontrolle der pro-sowjetischen Regierung. Allerdings sind bei weitem nicht alle afghanischen Künstler in Peshawar von Omarzads Idee einer neuen Zeitschrift angetan gewesen. Einige fürchteten Repressalien, denn immerhin unterstützte Pakistan die Taliban.

Im Jahr 2000 erschien die erste Ausgabe von "Gahnama-e-Hunar" mit einer Auflage von 1.200 Exemplaren. Rahraw Omarzad finanzierte die Druckkosten, Freunde und Kollegen gaben logistische Hilfe. Der Titel hat eine doppelte Bedeutung: Kunstgeschichte und etwas, das nicht regelmäßig getan wird. In der ersten Nummer ging es noch ausschließlich um Malerei, Skulptur und Kalligraphie. Dann entsprach Omarzad, der seit 2002 wieder in Kabul lebt, den vielfach an ihn herangetragenen Bitten, das Magazin auch auf Film, Theater, Musik und andere Bereiche zu erweitern. Bis Ende 2003 folgten drei weitere Ausgaben, nunmehr gefördert von einigen internationalen Institutionen und Organisationen.

Ein wichtiges Dauerthema in "Gahnama-e-Hunar" ist die künstlerische Ausbildung. Omarzad sagte uns, in Afghanistan hätten sich die Lehrmethoden seit 30 Jahren im Grunde nicht geändert. Während bisher vor allem eine sehr enge Auffassung von realistischer Malerei gelehrt wurde, sollten die Studenten künftig zu einem freieren Kunstverständnis und einem individuellen Ausdruck befähigt werden. Die Zeitschrift veröffentlicht u.a. Diskussionen über neue Lehrpläne und sonstige notwendige Veränderungen an den Kunstschulen.

Ebenso wird über den Neubeginn des kulturellen Lebens im Lande und die Beseitigung der Kriegsschäden berichtet, z.B. über die Wiedereröffnung der Nationalgalerie, die Suche nach verlorenen gegangenen Kunstschätzen des Nationalmuseums und die Restaurierung von Kulturgütern. Das Magazin informiert auch über die vielen Aktivitäten, die andere Länder nach Afghanistan bringen oder dort fördern: Ausstellungen, Theater- und Musikgruppen, Workshops, Symposien, etc..

Omarzad sieht eine besondere Verantwortung darin, das kollektive kulturelle Gedächtnis zu reaktivieren und mit verschütt gegangenem Wissen über die Kunsttraditionen Afghanistans und anderer Teile der Welt zu speisen. So würdigt er z.B. das Wirken von Gholam Mohammed Maimanagi (1873 - 1935), der Anfang der 1920er Jahre die erste Kunstschule gründete, und anderer herausragender Persönlichkeiten der Kunstgeschichte, darunter neben Afghanen bisher auch Leonardo da Vinci, Vincent Van Gogh, Paul Gauguin und Edvard Munch.

Die Zeitschrift soll für ihre Leser in Afghanistan ein Fenster zu Welt sein. In der uns vorliegenden Ausgabe (siehe die Seitenbeispiele) wird über die internationale Kunstmesse in Berlin (Art Forum), ein Bildhauersymposium in China und besonders ausführlich über das Filmfestival in Cannes berichtet, bei dem der afghanische Film "Osama" große Aufmerksamkeit und Anerkennung erhielt.

Rahraw Omarzad sieht in "Gahnama-e-Hunar" eine von vielen Initiativen, die sich für eine nachhaltige kulturelle Erneuerung Afghanistans einsetzen. Er möchte, dass diese Anstrengungen international mehr zur Kenntnis genommen werden. Am Schluss unseres Interviews wünschte er ausdrücklich, dass wir eine Bitte von ihm weiterleiten: die Berichterstattung über Afghanistan im Ausland solle differenzierter werden und nicht nur Zerstörung und Elend zeigen, sondern vielmehr vermitteln, welche positiven Entwicklungen und Energien es gibt.

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

Gahnama-e-Hunar

Gründer, Herausgeber:
Rahraw Omarzad

Erscheint seit dem Jahr 2000 in Dari und Pashtu, mit englischen Zusammenfassungen

Gahnama-e-Hunar
Jada-e-Velayat,
Koche Sarai
CPO Box No. 11
Afghanistan
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