AUS School of Architecture and Design

American University of Sharjah; Interview mit Dr. Martin Giesen, Dean bis 2004; Foto-Tour.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Sep 2004

Die American University of Sharjah wurde 1997 von Seiner Hoheit Dr. Sheikh Sultan bin Mohammed Al Qassimi, Herrscher von Sharjah und Mitglied des Obersten Rates der Vereinigten Arabischen Emirate, als eine Institution gegründet, an der junge Frauen und Männer gemeinsam studieren. Das "American" im Namen bedeutet lediglich, dass dort dem amerikanischen Lehrmodell gefolgt wird.

Zur Universität gehören vier Fakultäten, darunter die Schule für Architektur und Design. Sie hatte uns im April 2004 als Referenten zu den "Design Talks" eingeladen, einem von Prof. Mark Pilkington, Lehrstuhlinhaber für Design, und Prof. Tarek Al-Ghoussein organisierten Symposium.

Das Äußere des Gebäudes lässt nicht erahnen, dass es im Inneren eine offene bauliche Struktur gibt, die das Gefühl von Gemeinsamkeit und den Kontakt untereinander sehr zu fördern scheint. In den paar Tagen unserer Anwesenheit hatten wir diesen Eindruck. Etwas davon möchten wir durch diesen Beitrag vermitteln.

Interview mit Dr. Martin Giesen
Der Dean der Schule für Architektur und Design (bis Sommer 2004) über deren Geschichte, Konzept und Studieninhalte.
Universes in Universe: Ihre Ankunft in Sharjah hat unmittelbar mit der Gründung dieser Schule zu tun. Wie ging das damals vonstatten?

Dr. Martin Giesen: Ich kam 1997 nach Sharjah, weil mich das Planungskomitee der Universität gebeten hatte, es bei der Entwicklung von Ausbildungsprogrammen für eine Schule der angewandten Künste zu beraten. Dem Komitee schwebte zunächst eine Ansammlung von Hauptfächern vor, was mir für eine ernsthafte Universität nicht sehr sinnvoll erschien. Aus den Diskussionen entwickelte sich rasch das jetzige Konzept einer autonomen Schule für Architektur und Design mit Hochschulabschlüssen in Architektur, Innengestaltung, visueller Kommunikation, Multimedia und Design-Management. Jetzt, sieben Jahre nach dem Beginn, haben wir etwa 500 Studenten.

Es war eine außergewöhnlich aufregende Zeit. Wir hatten uns ungeheuren Herausforderungen zu stellen, insbesondere beim Aufbau eines international anerkannten und erfahrenen Lehrkörpers sowie beim Erlernen unseres Umgangs mit den Studenten, die aus 50 Ländern und verschiedenen Sprachbereichen kommen und hier alle in Englisch als der lingua franca arbeiten müssen. Die meisten von ihnen wuchsen in einem Schulsystem heran, das auf eindimensionale Lösungsansätze statt auf prozesshaftes Denken fokussiert ist und damit im Gegensatz zum Designprozess an sich steht. Das bleibt nach wie vor eine wesentliche Herausforderung, aber ich denke, wir haben schon gute Erfolge zu verzeichnen.

UiU: Woher stammt der Name 'American University'?

MG: Man kann sagen, das ist so etwas wie ein Markenzeichen, obwohl der Name als 'Marke' niemandem gehört. Ich nenne das so, weil es im Nahen/Mittleren Osten zwei berühmte amerikanische Universitäten gab (und noch gibt), eine in Kairo, die andere in Beirut. Die in Beirut wurde 1866 als ein syrisch-protestantisches College gegründet, existiert also ca. 140 Jahre. Diese beiden Universitäten haben unter den Arabern, insbesondere denen am Persischen Golf, eine sehr gute Reputation. In der Vergangenheit, als es am Golf noch keine Universitäten gab, weder in Saudi-Arabien, Kuwait, Katar oder sonstwo, wurden die begabten Studenten, die vor allem männlich waren, an die American University in Beirut oder die in Kairo geschickt. Wenn ich also von einem Markenzeichen spreche, beziehe ich mich auf diese Reputation.

Als der Herrscher von Sharjah Mitte der 1990er Jahre beschloss, eine westliche Universität zu gründen, beauftragte er damit ein Planungsteam der American University of Beirut, und es lag auf der Hand, sie American University of Sharjah zu nennen. Wir sind mit keiner American University in den USA direkt verbunden. Es gibt lediglich Managementverträge mit der AU Washington und der Texas A&M University in College Station, aber die beschränken sich darauf, Personal für das Senior Management bereitzustellen. Wir sind also keiner amerikanischen Universität gegenüber rechenschaftspflichtig. Die AU Sharjah untersteht einem international zusammengesetzten Vorstand unter dem Vorsitz des Herrschers von Sharjah. Zu den Mitgliedern gehören u.a. der Vizekanzler von Cambridge, der Präsident der AU Washington und, wie in solchen Fällen üblich, auch mehrere Unternehmer.

UiU: Sie haben den prozessorientierten Bildungsansatz erwähnt. Angesichts der Tatsache, dass das schillernde Dubai so nahe liegt und der westliche Einfluss stark ist, möchten wir sie fragen, inwiefern die Studenten in die Lage versetzt werden, eine eigene Designsprache zu entwickeln? Verfolgen Sie bestimmte Modelle oder geht es Ihnen mehr darum, überhaupt erst das Bewusstsein der Notwendigkeit einer eigenen Sprache zu wecken?

MG: Selbstverständlich wird das Modell von den Lehrkräften vermittelt, und wir stellen Fachkräfte von Designschulen aus aller Welt ein. Ich denke nicht, dass wir eine spezifische Sprache an sich vorschreiben. Jedes Mitglied der Fakultät beteiligt sich auf seine bzw. ihre Weise an der Formulierung einer solchen Sprache. Bei uns lehren Leute von der Rhode Island School of Design, der Cranbrooks Academy, aus Berkeley, Harvard und anderen herausragenden Institutionen. Sie alle bringen ihren Glauben an die Bedeutung eines unabhängigen, kritischen Denkens hier ein.

Ich glaube, es ist besser, anhand konkreter Aufgaben darüber zu sprechen. Zum Beispiel könnte man Studenten des 2. Studienjahres Architektur fragen, wie sie an die Entwicklung eines Projekts, an dem sie gerade arbeiten, herangegangen sind. Sie erhalten eine kurze Aufgabenstellung, einen Plot, ein Minimum an Informationen. Das könnte sein: wir möchten ein zweigeschossiges Wohnhaus für eine Familie entwickelt haben, die aus einem Augenarzt, einer Pianistin und deren Zwillingen besteht und die einen Hund hat. Zwei oder drei Wochen später wird den Studenten z.B. gesagt, dass auch die alte Mutter der Pianistin einziehen will und deshalb behindertengerechte Zugänge nötig sind. Durch solche Veränderungen der Voraussetzungen und der Motivation wird die Herangehensweise unserer Studenten an den Gestaltungsprozess erweitert. Eine andere typische Situation wäre etwa, dass ein Familienmitglied mehr Licht braucht als die anderen, oder eine Schalldämpfung oder mehr Raum zum Spielen, also wesentliche Fragestellungen, die mit der Qualität von Räumen zu tun haben.

Auch ist es für die Studierenden wichtig zu erkennen, dass man auf dem Gebiet des Designs von 30 Studenten durchaus 30 richtige Antworten erhalten kann. Die werden alle mehr oder weniger korrekt sein, sich aber voneinander unterscheiden. Zu beobachten, wie sich die Erkenntnis entwickelt, dass die Antworten tatsächlich verschieden sind, weil jede davon aus einem Ringen mit den eigenen Vorstellungen und den Voraussetzungen des Projekts hervorgeht, ist eine wunderbare Erfahrung.

Eine weitere Herausforderung für uns ist die Entwicklung einer 'Atelier-Kultur'. Damit meine ich einen grundsätzlichen Respekt für die Kreativität und den Raum eines jeden, und das selbst dann, wenn es unordentlich und chaotisch aussehen sollte und man meinen könnte, es gäbe keinen respektvollen Umgang mit dem gegenwärtigen Arbeitsplatz. Aber auf diese Weise erfahren die Studenten ein völlig neues Konzept von Teamarbeit, einen vorher nie gekannten Weg, die volle Verantwortung für ihr eigenes Leben und Handeln zu übernehmen.

Selbstverständlich ist das alles nicht neu. Es gehört fast überall zur Erfahrung der Colleges oder Universitäten, aber der Wechsel unserer, sagen wir mal, konservativeren Studenten aus bestimmten arabischen Ländern in eine völlig zwanglose Situation, in der noch dazu junge Männer und Frauen zusammen studieren, in der es nicht viel Aufsicht gibt und die Studios bis Mitternacht geöffnet sind - das ist alles schon eine Veränderung im Lebensstil, die eine ungeheure Anpassung verlangt.

Und wir sind stolz sagen zu können (da klopfe ich auf Holz!), dass wir in der Lage waren, die Studenten vom ersten Tag an motivieren und anregen zu können. Als ich hierher kam, schloss die Universität um 18 Uhr. Die Eltern hätten es nicht für möglich gehalten, dass die Studenten freiwillig und gern auch nach dem Dunkelwerden noch hierbleiben würden, um zu arbeiten. Jetzt sind die Gebäude bis Mitternacht geöffnet. Die Studenten verbringen selbst die Abende gemeinsam, sie gehen zusammen in Dubai aus, begeben sich gemeinsam auf Feldforschung, z.B. nach Europa, machen also das, was nahezu unvorstellbar war, als wir begonnen haben.

UiU: Wir waren über die Offenheit an dieser Schule überrascht. Hat es wegen dieser Art der Ausbildung irgendwann einmal Probleme mit den hiesigen Autoritäten gegeben?

MG: Nun gut, die Geschichte der Universität macht etwas von den Spannungen deutlich: Der Herrscher plante ursprünglich nur eine American University of Sharjah. Noch eine weitere zu errichten, war nicht seine Absicht. Viele konservative Familien in Sharjah sagten jedoch, sie könnten ihre Töchter nicht auf die American University schicken, weil dies eine gemischte Bildungseinrichtung für beide Geschlechter ist, und fragten, wann eine Universität für die Einheimischen gebaut würde. Also wandte sich der Herrscher an den Auftragnehmer, der die AUS gebaut hatte und sagte: ich will Pläne für eine Schwesteruniversität am anderen Ende der Straße, und die brauche ich in zwei Wochen. So wurde in kürzester Zeit aus einem ursprünglich nur kleinen islamischen College eine große Universität, die Sharjah University, mit einem Campus für Männer und einem für Frauen, die vor allem von Emiratis, aber auch von anderen arabische Studenten besucht wird.

Damit gelang es dem Herrscher, jegliche Kritik von der AUS abzuwenden. Diejenigen, die mit der Offenheit dieser Universität nicht umgehen können, haben eine andere Option. Und das ist gut so. Zusätzlich hat er uns eingezäunt. Wenn man die schönen Zäune sieht, die um das Gelände der Universität herum gebaut sind, könnte man glauben, dass man uns einsperren will. Obwohl es diese Tradition an Universitäten des Mittleren Ostens zum Teil tatsächlich gibt, denn sie waren oft die Nährböden oder Inkubatoren für Revolutionen - in Kairo, Beirut, im Iran und an vielen anderen Orten, wo die Dinge aus der Hand geglitten sind -, und es mag dort durchaus solche Gründe für das Einzäunen gegeben haben. Aber hier geht es weniger darum, uns drinnen zu halten, als vielmehr uns vor unnötigen prüfenden Blicken der konservativen Bevölkerung zu bewahren. Und das funktioniert ganz gut. Also die Antwort auf Ihre Frage ist: nein, wir haben wegen unseres Verhaltens niemals irgendwelche signifikanten Probleme oder Interferenzen gehabt.

In Sharjah gibt es natürlich einen Kleidercode. Die Leute sprechen oft davon, aber niemand hat ihn je wirklich gesehen, weil er nie formuliert wurde. Das ist ein weiterer weiser Ansatz des hiesigen Herrschers. Er sagt uns nie, die Röcke müssen bis fünf Zoll unterhalb des Knies gehen, aber er erinnert uns daran, dass es in unserem eigenen Interesse liegt, unsere Freiheiten im Rahmen der traditionellen kulturellen Normen der Emirate und insbesondere Sharjahs auszuleben. Und da er uns das ab und an mal wieder in Erinnerung bringt, funktioniert es auch. Ich denke, darüber hinaus ist es wichtig zu erwähnen, dass arabische Studenten im allgemeinen außergewöhnlich höflich sind. Oder noch besser: da existiert ein grundsätzlicher Respekt für die Älteren - was in Europa sehr unüblich ist -, und das hilft sehr.

UiU: Mittlerweile gibt es zwei Absolventenjahrgänge. Wie sind die beruflichen Aussichten in Sharjah und in der Region?

MG: Im allgemeinen lässt sich beobachten, dass lokale Absolventen, also Emiratis, keine Probleme haben, in spezialisierten Segmenten der Wirtschaft einen Job zu finden, wie z.B. im Regierungsbereich und im Bankwesen. Es hat große Anstrengungen gegeben, für diese Absolventen Stellen zu schaffen, aber die private Industrie hat es großenteils abgelehnt, Emiratis einzustellen, weil man dort der Meinung ist, diese würden mehr Geld fordern, was tatsächlich der Fall ist. Sie verlangen auch bessere Arbeitszeiten.

Glücklicherweise haben wir hier in der Schule für Architektur und Design Fachbereiche, die draußen richtig gefragt sind. Ich freue mich sagen zu können, dass 60% unserer Studenten ein Jahr nach dem Abschluss in ihrem Arbeitsgebiet tätig sind. Das ist schon eine ungewöhnliche Situation. Können Sie sich das für Deutschland vorstellen? Wie viele arbeiten dort schon ein Jahr nach dem Studium tatsächlich als Architekten oder Grafikdesigner? Aber das hat hier viel mit der geringen Konkurrenz zu tun, obgleich andere Universitäten ebenfalls anfangen, Studiengänge in Architektur anzubieten. Im Bereich Grafikdesign sind wir immer so technologienah und konzeptorientiert gewesen, dass wir die stärksten konzeptionellen Fähigkeiten unserer Studenten fördern konnten. Und wenn man das mit einer soliden technischen Ausbildung sowie den Anforderungen der Praktika verbindet, die wir hier haben, kann jeder, der einen Job sucht und einen Abschluss von dieser Schule vorweist, eine Anstellung finden. Kann sein, dass es nicht sofort klappt, aber nach einem Jahr normalerweise schon.

UiU: Und wie ist es mit den jungen Frauen aus traditionelleren Familien? Möchten auch sie arbeiten?

MG: Manche schon, und andere finden es einfach nur großartig, diese Ausbildung zu haben. Einige unserer besten Studentinnen - ich denke besonders an zwei - arbeiteten zwei Jahre sklavisch, hatten sehr gute Leistungen, gewannen sogar Preise, und entschlossen sich dann, zu ihrer Familie zurückzukehren, zu heirateten und Kinder zu bekommen. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sich ihr Leben später nicht wieder ändern könnte, wir kennen viele Beispiele einer anderen Entwicklung. Zum Beispiel ein einheimisches Mädchen, das seinen Abschluss in Architektur machte, leitet jetzt das Team für den Bau eines der höchsten Wolkenkratzer in Dubai - und zwar direkt auf der Baustelle.

Ein weiteres Beispiel ist ein Mädchen aus einer der prominentesten Händlerfamilien in Dubai. Sie studierte Fotografie und gewann Auszeichnungen, und gemeinsam konnten wir ihre Eltern überzeugen, sie an eine weiterführende Schule nach England zu schicken, und das ist wieder etwas, was früher niemals möglich erschien. Also man kann jetzt schon einen Wandel spüren.

UiU: Ist das Studium für Emiraties kostenlos?

MG: Nein, aber Studenten mit guten Noten können Stipendien bekommen, z.B. der Sharjah Electricity Company. Die jährliche Studiengebühr beträgt etwa 12.000 Euro, dann kommen aber noch Unterkunft, Essen etc. dazu. Es ist wirklich nicht billig, aber es wäre nicht richtig zu sagen, dass alle Studenten wohlhabend sind, was einem so vorkommen könnte, wenn man sich den Studentenparkplatz anschaut. Dort stehen die Porsches und die BMWs, während die Lehrkräfte Mazda fahren. Aber das ist irreführend, denn viele unserer Studenten kommen aus Familien, die finanziell nicht so gut ausgestattet und deshalb auf die Stipendien angewiesen sind.

UiU: Können auch Studenten aus anderen Ländern Stipendien beantragen?

MG: Nicht im ersten Jahr. Sie müssen zunächst beweisen, dass sie gut sind. Aber wenn z.B. jemand indischer Nationalität das indische Gymnasium in Dubai besucht und seine oder ihre Leistungen mit 90% bewertet werden, dann erhält der Student bzw. die Studentin automatisch ein Stipendium.

UiU: Wie hoch in etwa ist der Anteil der Frauen an den hier Studierenden? Gibt es diesbezüglich Veränderungen seit der Gründung der Schule?

MG: Ich denke nicht, dass sich das sehr geändert hat. Interessant ist, dass in den Emiraten mehr Frauen als Männer auf die Universitäten gehen. Die American University of Sharjah ist vielleicht die einzige Universität, in der es mehr männliche als weibliche Studenten gibt - aber in Architektur und Design sind 65% der Studierenden weiblich, während es beim Maschinenbau umgekehrt ist.

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

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