Abdullah Al Saadi

Sein Schaffen in Bezug auf die Landshaft von Khorfakkan, VAE, und dessen kultureller und persönlicher Kontext.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Jul 2004

Abdullah Al Saadi interessiert sich nicht besonders für das, was bei den Trendsettern des internationalen Kunstgeschehens gerade angesagt ist. Künstlerisch tätig zu sein sei für ihn vor allem eine Frage der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, sagte er uns, und wenn er bei sich zu Hause sitzt, die Landschaft betrachtet und vor sich hin zeichnet und malt habe er am ehesten das Gefühl, sich treu zu bleiben. Seine Zeichnungen, Malereien, Installationen und analytisch-dokumentarischen Projekte sind unprätentiöse Zeugnisse eines innigen Verhältnisses zur Natur und einer sensiblen Aufarbeitung persönlicher Erlebnisse und Erinnerungen. Doch hinter der (scheinbaren) Schlichtheit der meisten Werke steht ein komplexes, das Leben und die Kunst verbindendes Konzept.

Eine erste Idee davon bekamen wir, als wir den Beitrag von Abdullah Al Saadi zur Sharjah Biennale 2003 sahen und mit ihm darüber sprachen. Bei unserer zweiten Reise in die Emirate im April 2004 wollten wir ihn unbedingt besuchen, um Genaueres über den Kontext seines Schaffens zu erfahren und natürlich mehr von seinen Arbeiten zu sehen.

Von Sharjah aus fuhren wir zwei Stunden in Richtung Osten nach Khorfakkan am Golf von Oman. Dort trafen wir Al Saadi, der uns im Jeep zu seinem Haus in einer Bergregion brachte, die in einer von den Vereinigten Arabischen Emiraten umschlossenen Enklave Omans liegt. Sein Vater baute die Unterkunft, um hier zu schlafen, wenn er nachts die Ländereien bewässerte. Schon als Kind war Abdullah gern an diesem Ort, wo er die Berge und Täler durchstreifte, die Pflanzen- und Tierwelt erkundete, bei der Feldarbeit half und wegen der Hitze oft unterm Sternenhimmel schlief. Wegen der engen Beziehung zu dieser Gegend zog er vor drei Jahren auf das kleine Anwesen, obwohl er täglich nach Khorfakkan muss, um seinen Lebensunterhalt als Englischlehrer zu bestreiten. Für ihn ist es ein fortwährender kreativer Prozess, das Haus zu rekonstruieren, es mit eigenen Objekten und Fundstücken zu füllen, das Gelände mit Steinen zu gestalten. Leider hat es jahrelang nicht geregnet, so dass die Pflanzen im Garten vertrocknet sind und das große Wasserbassin leer ist.

Bei aller Bodenständigkeit reist Abdullah Al Saadi durchaus gern. In den Emiraten ist er viel mit dem Fahrrad, seinem Esel, dem Jeep oder zu Fuß unterwegs. Dabei hält er die Landschaften, Pflanzen, Tieren und Menschen, die ihn besonders interessieren, in Tagebucheinträgen und Skizzen fest. Er sammelt tote Insekten, Knochen, Büchsen, Flaschen und was ihm sonst noch so auffällt, um es später zu Hause zu ungewöhnlichen Konstellationen zu arrangieren. Überhaupt macht es ihm Spaß, seine Kunstwerke und andere Dinge in neue Zusammenhänge zu bringen. Eine Zeit lang hat er mit dem zur mobilen Ausstellung umfunktionierten Jeep ältere und neuere Arbeiten durchs Land gefahren und gelegentlich unter Bäumen oder am Strand ausgebreitet (siehe die Fotos).

Zwei Jahre verbrachte der Naturbursche aus dem schroffen Gebirge am Golf von Oman in der alten japanischen Kaiserstadt Kyoto. Von 1994 bis 1996 studierte er an der Kyoto Seika Universität die Technik und Philosophie der Nihonga ('japanische Malerei', Nihon = Japan, ga = Malerei). Dieser Malstil entstand in der Meiji-Zeit (1868-1912), als Japan nach langer Isolation für den Westen geöffnet wurde, aus der Verbindung traditioneller japanischer Konventionen mit Elementen westlicher Kunst.

Die Fakultät in Kyoto, an der Abdullah Al Saadi in der modernen Form der Nihonga ausgebildet wurde, nennt u.a. die genaueste Betrachtung des Gegenstandes und größte Detailtreue als Wesenszüge dieser Richtung. Ohne Zweifel hält sich Al Saadi in seinen Landschaftsaquarellen und -zeichnungen daran. Deren lange Varianten können bis zu 15 Meter breit sein und sind sicher auch von den japanischen 'Emaki', den erzählerischen Querrollen, beeinflusst. Allerdings fällt es ihm bei den Bestandsaufnahmen der "Wadis" (trockene Flusstäler, Titel einer Reihe von Arbeiten) zunehmend schwerer, den "Geist innerer Schönheit" zu bewahren, den ihm die Nihonga-Lehrer vermitteln wollten, denn als aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt registriert er immer öfter deren Zerstörung.

Da Abdullah Al Saadi in Kyoto die Landessprache lernte, musste er sich zwangsläufig mit den japanischen Schriftzeichen beschäftigen. Das Japanische ist keine auf Buchstaben beruhende Lautschrift (wie Arabisch, Deutsch, Englisch, etc.), sondern eine ideografische Schrift, d.h. jedes Symbol steht für eine bestimmte Bedeutung, und ein Großteil solcher Ideogramme ist aus Piktogrammen (also Bildzeichen) zusammengesetzt. Dieses Prinzip hat Al Saadi so nachhaltig begeistert, dass er es für seine Kunst adaptierte. Zu seinem intuitiven Verhältnis zur Natur kam eine analytische Komponente hinzu, denn er begann nun, in seiner Umgebung enthaltene Codes ausfindig zu machen und deren Bedeutung zu dechiffrieren. Manchmal legt er tabellarische Übersichten an, um sich über Zusammenhänge zwischen verschiedenen Elementen klar zu werden sowie um Archetypisches in Zeichen unterschiedlicher - natürlicher oder kultureller - Herkunft zu entdecken.

Das bekannteste Projekt dieser Art sind die "Briefe meiner Mutter", entstanden von 1998 bis 2000. Nach der Rückkehr aus Japan wohnte Al Saadi in seinem Atelier in Khorfakkan. Dort wurde er oft von seiner Mutter besucht, die ein paar Kilometer entfernt im Bezirk Madha lebt. Immer wenn Aischa Said Al-Hamidi ihren Sohn nicht antraf, hinterließ sie ihm eine Botschaft. Da sie weder lesen noch schreiben kann, geschah dies in Form eines Zeichens. Es konnte ein Stein, ein Papier, ein alter Kamm, ein Stück Holz, Metall oder Schnur, eine Verpackung oder irgendein anderer Gegenstand sein, den sie vor dem Haus gerade fand und - zum Teil leicht verändert - in einer bestimmten Weise an der Tür ablegte.

Abdullah schreibt regelmäßig Tagebuch, darum registrierte auch die vergeblichen Besuche seiner Mutter genau und hob ihre Mitteilungen auf. Lange dachte er darüber nach, bis er anfing, sie systematisch zu ergründen. Er zeichnete die Objekte aus unterschiedlichen Perspektiven, nummerierte hervorstechende Details und trug diese Nummern in Tabellen ein. Das sieht sehr wissenschaftlich und sehr logisch aus. Man sollte aber nicht versuchen, hinter das Geheimnis der Codes zu kommen, denn wie uns Abdullah sagte, würden nur er und seine Mutter die genaue Bedeutung kennen. Doch diese Form der Verständigung an sich wird ebenso von anderen praktiziert. Sie kommt aus der Alltagskultur der Beduinen, von der immer mehr verlorengeht, weil der Fluss der mündlichen Überlieferungen zusehends nachlässt.

Abdullah Al Saadi schrieb einmal: "Meine Mutter ist zwar Analphabetin ... aber ihre Botschaften sind voller Symbole, voll mit dem Zauber einer uralten Sprache des Orients." [1] Wie wichtig es ist, diese kulturellen Traditionen für die Nachwelt zu dokumentieren, zeigt die Tatsache, dass Abdullahs Mutter ihm schon längst keine solchen "Briefe" mehr hinterlässt - sie und er haben jetzt Handys und verabreden sich telefonisch.

 

<line>Anmerkung:</line>

  1. 5/U.A.E., Zeitgenössische Kunst der "Fünf" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ausstellung im Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen/Deutschland. 6. September - 17. November 2002. Katalog, Seite 128.


Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.


Siehe auch:

02 Al Saadi
Fototour durch die Ausstellung des emiratischen Künstlers in Sharjah, 22. Febr. - 22. Mai 2014; Kuratorin: Hoor Al Qasimi. Besuch in seinem Atelier in Khorfakkan.
Nafas
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