Emily Jacir: Wo wir herkommen

Wo wir herkommen. Die Künstlerin erfüllte Wünsche exilierter Palästinenser, in deren Heimat. Fotografische Installation, 2002-2003
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Okt 2003

Zu den Arbeiten bei der diesjährigen Biennale Istanbul, die dem Thema "Poetic Justice" (poetische Gerechtigkeit) am überzeugendsten entsprachen, gehört sicher die von Emily Jacir. Wie aus den verschiedenen Verlautbarungen hervorgeht, ging es Kurator Dan Cameron bei seinem Konzept um einen Bereich kreativer Aktivität, erfüllt vom Zusammenspiel so scheinbar gegensätzlicher Kräfte, wie der ästhetischen Qualität der Poesie und dem Streben nach Gerechtigkeit.

Im Tophane-i Amire Kulturzentrum, einer 1451 gebauten Kanonengießerei und Kaserne, zeigt Emily Jacir die Installation "Wo wir herkommen", bestehend aus Fotos mit zugeordneten Texten sowie einer DVD-Projektion.

Ausgangspunkt der Arbeit und der ihr zu Grunde liegenden Aktion ist die an im Exil lebende Palästinenser gerichtete Frage: "Wenn ich irgendwo in Palästina irgend etwas für dich tun könnte, was wäre das?" Die Künstlerin nutzte die ihr durch einen US-amerikanischen Pass gegebene (aber auch nicht ungefährliche) Bewegungsfreiheit, um die Wünsche zu erfüllen, soweit es in ihrer Macht stand.

Diese waren zum Beispiel:

"Geh nach Haifa und spiele Fußball mit dem ersten palästinensischen Jungen, den du auf der Straße siehst."

"Trink das Wasser im Dorf meiner Eltern."

"Geh nach Bayt Lahia und bring mir ein Foto meiner Familie, vor allem der Kinder meines Bruders."

"Geh zur israelischen Post in Jerusalem und bezahle meine Telefonrechnung."

"Geh zum Grab meiner Mutter in Jerusalem an ihrem Geburtstag, leg Blumen nieder und bete."

"Mach irgendwas an einem normalen Tag in Haifa, irgendwas das ich tun könnte, wenn ich jetzt dort leben würde."

In ihrer Installation dokumentiert Emily Jacir die Wünsche und das Schicksal bzw. den Status der Menschen, die sie geäußert haben, sowie das was sie tat, um den jeweiligen Wunsch zu erfüllen. Für die Veröffentlichung in diesem Magazin hat die Künstlerin 12 prägnante Beispiele ausgewählt.

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

Wir danken Choire Sicha, Galerie Debs & Co., für die Bereitstellung der Fotos.

Where we come from
(Wo wir herkommen). 2002-2003
Installation: 32 Fotos unterschiedlicher Maße, 30 gerahmte Texte, 1 DVD-Projektion auf einem Screen

Die Arbeit entstand im Auftrag der Al-Ma'mal Foundation for Contemporary Art, Jerusalem, Palästina.


Siehe auch:

01
Projekt in der dOCUMENTA (13) über die 1948 von Israel entwendeten palästinensischen Bücher in der Jüdischen Nationalbibliothek Jerusalem.
Nafas
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