Das 20. Jahrhundert in der Kunst Algeriens

Ausstellung im Rahmen des \"Algerischen Jahres in Frankreich\". Text des Kurators.
Von Ramón Tio Bellido | Aug 2003

Im Rahmen der Veranstaltungen anlässlich des "Algerischen Jahres in Frankreich" schien es angebracht zu sein, eine Ausstellung zu präsentieren, die die Geschichte der modernen und zeitgenössischen schönen Künste in Algerien nachzeichnet. Die Schau soll das Publikum mit algerischen Künstlern und deren seit 1920 geschaffenen Werken bekanntmachen sowie genauere Einblicke in die Besonderheiten und die verschiedenen Richtungen der Kunst des Landes zu vermitteln.

Es wurde das Schaffen von vier aufeinander folgenden Künstlergenerationen in Betracht gezogen, wobei die Auswahl der Kunstwerke eng mit Fragen und Problemen verknüpft war, die sich aus der Beziehung zwischen der westlichen Kultur - und ihrer Rolle als "Vorbild" - und den singulären und "ethnischen" Kulturen der Künstler selbst ergeben.

Selbst wenn die Ursprünge einer algerischen Kunstgeschichte mit der Wiedergeburt der Miniatur unter der Führung von Mohamed Racim verbunden sind - der in der Ausstellung nicht vertreten ist -, belegen Werke von Azouaou Mammeri, Abdelhalim Hemche und Mohamed Temmam die Bemühungen, sich Elemente der modernen Kunst - vom Impressionismus bis zum Fauvismus - anzueignen und eine eigene ikonografische Sprache zu entwickeln.

Von den 1920er Jahren bis zum Anfang der 1950er Jahre entwickelte diese Generation weitere, persönlichere oder autodidaktische Herangehensweisen. Deren bekanntester Vertreter, Haddad Fatma Baya Mahieddine (Baya), stellte schon 1947 in der Galerie Aimé Maeght aus.

In jener Zeit gingen junge Künstler jedoch auch ganz anderen Fragestellungen nach und beanspruchten für sich die Ästhetik einer Synthese zwischen ihrem Erbe einer arabisch-muslimischen Kalligraphie und der westlichen Abstraktion. Mohamed Khadda, M’Hammed Issiakhem, Mohamed Louail oder Choukri Mesli verfolgten einen Weg, der sich durchsetzen konnte, als die Unabhängigkeit des Landes erreicht war. Eine Bestätigung erfuhren sie u.a. durch ihre Beteiligung an der Bewegung, die im Jahre 1967 unter dem Namen "Aouchem" - die Schule der Zeichen - begann und diese Erkundungen und Ausdrucksweisen fortführte.

Gegen Ende des Unabhängigkeitskrieges kennzeichnet ein unwiderruflicher Bruch das kulturelle Leben. Der Wandel lässt sich auf einer strukturellen Ebene mit der Gründung der "Union Nationale des Arts Plastiques" (Nationale Union der Schönen Künste) besonders deutlich belegen. Obgleich es eine gewisse Vorherrschaft einer dem sozialistischen Realismus nahestehenden Ästhetik gab und in den zahlreichen öffentlichen Aufträgen der Wunsch, alle "populären" Kunstformen zu privilegieren, beobachtet werden kann, ist gleichzeitig auch die Präsenz von Künstlern festzustellen, denen es um persönlichere Ausdrucksweisen ging. Die bekanntesten von ihnen sind Ismail Samson und Denis Martinez.

Anfang der 1970er und vor allem während der 1980er Jahre kam es an der École des Beaux-arts (Schule der Schönen Künste) zu Bemühungen, mit der akademischen Malerei zu brechen, was z.B. im Schaffen solcher Künstler, wie Malek Salah and Hellal Zoubir, zum Ausdruck kommt. In den schrecklichen 1990ern waren ihrer Lehrtätigkeit jedoch Jahre relativen Schweigens auferlegt. Um so stärker war ihr Wiederaufleben in den letzten paar Jahren mit der Gründung der Gruppe Essebaghine, zu der u.a. die in der Ausstellung vertretenen Karim Sergoua und Ammar Bouras gehören.

Es erschien uns angebracht, algerische Künstler der "Diaspora" einzubeziehen. Dazu gehören die in Frankreich lebende Samta Benyahia und Houria Niati, seit 1977 in London beheimatet. Zum Schluss stellt die Ausstellung die Generation der nach 1962 in Frankreich geborenen vor: von den vielen in Frage kommenden Künstlern haben wir Zineb Sedira ausgewählt, die in Paris geboren wurde, aber in London lebt und in ihrem Schaffen die Problematik der weiblichen Darstellung in arabisch-muslimischen und westlichen Kulturen aufgreift.

Im Grunde genommen scheint diese Geschichte anderen postkolonialen Situationen eng verbunden zu sein, mit denen sich Künstler und die Kunst auseinandersetzen mussten, wobei sie sich in einer Flut von Widersprüchen und Komplexitäten zu behaupten hatten, die zunächst von der Gegenwart und dann vom Erbe der Lehren der westlichen Welt verursacht worden waren. Obwohl es zum Phänomen der Globalisierung - mit seinen inhärenten Widersprüchen und oft fragwürdigen Zielen - gehört, das vielfältige zeitgenössische Schaffen aller Regionen und Kulturen der Welt aufzuspüren, ist die relative Abwesenheit Algeriens in dieser Welle aktueller Anerkennung zu bemerken. Die Gründe dafür sind zahlreich und komplex und hängen genauso mit der kolonialen Geschichte des Landes selbst wie auch mit der schwierigen und heiklen Aufgabe zusammen, der sich Künstler zu stellen haben, wenn sie eine Kunst schaffen wollen, die ihre kulturelle Identität in den modernen Kunstdiskurs einbringt.

Dennoch ist keineswegs paradox, zu untersuchen, wie uns die Veränderungen und Mutationen der westlichen Kunst in den letzten beiden Dekaden dazu brachten, neue Kriterien und Bewertungsmaßstäbe zu entwickeln und darüber nachzudenken, welche Beiträge fast ein Jahrhundert lang von der Peripherie kamen. Nachdem die lineare Historizität der Kunst an ihr Ende gelangt ist, retrospektive Lesarten ihrer Produktion und ihrer chronologischen Legitimation in Frage gestellt sind, können wir uns jetzt mehr auf die Realitäten eines spezifischen individuellen und kulturellen Engagements konzentrieren, das sowohl hier als auch dort zu finden ist, selbst wenn das bedeutet, Teil einer exogenen Geschichtsschreibung zu sein, während man dennoch die Bestätigung der eigenen Geschichte verlangt.

Es ist unmögliche, diese Fragen über die Auswahl der in dieser Ausstellung präsentierten Künstler umfassend abzuhandeln. Deshalb sind sie in einer Publikation tiefer gehend erörtert. Sie enthält Beiträge verschiedener Autoren, ein Kapitel zu jedem Künstler der Schau und einen Anhang mit Manifesten, Artikeln, Schriften und Vorwörtern zu bestimmten Ausstellungen .... Der Band ist darum bemüht, kritische und weniger bekannte Informationen zur künstlerischen Geschichte dieses Landes zur Verfügung zu stellen. Malika Bouabdella verfasste spezielle Beiträge, wie die zu Khadda, Issiakhem und Mesli im Kontext der Unabhängigkeit. Dalila Orfali schrieb über Ankaufspolitik und die Gründung eines Museums der Schönen Künste. Fatma Zohra Zamoum widmete sich der jüngeren Phase, von den 1970er Jahren bis zur Gegenwart.

 

Ramón Tio Bellido

* 1950 Toulouse, Frankreich Kurator von Le XX° siècle dans l'art algérien und anderer Ausstellungen; Kunstkritiker und -publizist. Generalsekretär der AICA, Internationale Vereinigung der Kunstkritiker. Lebt in Paris, Frankreich.

(Aus dem Englischen: Binder & Haupt)

Le XX° siècle dans
l'art algérien

Château Borély, Marseille, 4 April - 15. Juni 2003

Orangerie du Sénat, Paris, 25. Juni - 17. August 2003

Kurator, Publikation:
Ramón Tio Bellido

Ko-Kuratorin: Dalila Orfali
Redaktion: Fatma Zohra Zamoum

Künstler/innen:
Azouaou Mammeri
Abdelhalim Hemche
Mohamed Temmam
Baya
Mohamed Khadda
M'Hammed Issiakhem
Mohamed LouaÏl
Choukri Mesli
Ismail Samson
Denis Martinez
Houria Niati
Hellal Zoubir
Malek Salah
Samta Benyahia
Karim Sergoua
Ammar Bouras
Zineb Sedira

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