Universes in Universe

Für eine optimale Ansicht unserer Website drehen Sie Ihr Tablet bitte horizontal.

Lawrence Abu Hamdan: The Voice Before the Law

Mit audiovisuellen Arbeiten untersucht er die politischen und rechtlichen Implikationen von Stimme, Sprache und Kommunikation. Hamburger Bahnhof Berlin, 2019-2020
Jan 2020

The Voice Before the Law [Die Stimme vor dem Gesetz], der Titel der Ausstellung ist mehrdeutig. Die Stimme kommt vor dem Recht, das einzelne Menschenleben hat Priorität gegenüber dem abstrakten Gesetz, oder aber: Die Stimme vor Gericht, die Stimme wird angeklagt oder klagt an, ruft das Gesetz an und fordert Gerechtigkeit. Spuren von staatlicher oder industrieller Gewalt und Mechanismen der Überwachung und Propaganda zeigen sich in Abu Hamdans Werken im Horizont der auditiven Wahrnehmung. Der Künstler bezeichnet sich in diesem Zusammenhang selbst als "private ear", als "Klangdetektiv".

Lawrence Abu Hamdan gewann den Baloise Kunst-Preis 2018. Im Rahmen dieser jährlich in Kooperation mit zwei internationalen Kunstmuseen verliehenen Auszeichnung hat die Baloise Group seine Video- und Audioinstallation This whole time there were no landmines (2017, Während der ganzen Zeit gab es keine Landminen) für die Nationalgalerie angekauft und die Ausstellung sowie die zugehörige Publikation ermöglicht. Diese Arbeit, die sich auf eindringliche Weise mit physischen und emotionalen Grenzen auseinandersetzt, steht im Mittelpunkt der Präsentation.

Das filmische Material von This whole time there were no landmines bilden Handyaufnahmen, die auf den Golanhöhen entstanden sind, einem hügeligen Landstrich im Nahen Osten, der in der Vergangenheit Gegenstand verschiedener Konflikte war. Seit 1967 sind die Golanhöhen zum überwiegenden Teil unter israelischer Besatzung. Aufgrund der besonderen Akustik wurde eine Stelle des Gebiets als "shouting valley", als Tal der Rufe, bekannt. Das akustische Phänomen in dieser Topografie von wandernden und sich verstärkenden Stimmen ermöglicht eine Kommunikation mit Megafonen über die Grenze hinweg. Abu Hamdans Bild- und Tonmaterial stammt vom 15. Mai 2011. Der 15. Mai ist ein wichtiger Jahrestag für beide Seiten - für Israel, das am 14. Mai 1948 nach dem Scheitern des UN-Teilungsplans für Palästina gegründet und am 15. Mai von den USA, der Sowjetunion und den Vereinten Nationen anerkannt wurde, und für palästinensische Araber*innen, die an diesem Tag der Vertreibungen und Zwangsevakuierungen in Folge der Staatsgründung und des ersten arabisch israelischen Krieges (1947-49) gedenken und dagegen protestieren. Die palästinensische Bezeichnung hierfür ist Nakba (dt. Unglück, Katastrophe). Bereits gegen Ende des Krieges forderte die palästinensische Seite das Recht ein, zu ihren ehemaligen Wohngebieten zurückzukehren - bis heute bildet diese Forderung einen Hauptstreitpunkt im Nahostkonflikt.

Eine Gruppe von Demonstrant*innen überschritt am 15. Mai 2011 im Zuge des Arabischen Frühlings erstmals die Grenze und drang in Gebiete vor, die von der Religionsgemeinschaft der Drusen bewohnt werden, was ein Eingreifen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte und die Erschießung von vier Demonstrierenden zur Folge hatte. Im mittleren Raum der Ausstellung sind auf acht gegenüberliegenden quadratischen Bildschirmen Aufnahmen von Handykameras zu sehen: Augenzeugenberichte inmitten einer beunruhigenden Klangkulisse aus lauten Rufen, Sprachfetzen und technischen Signalen.

Disputed Utterance. 2019 (Detail)
© Foto: Haupt & Binder
Disputed Utterance. 2019 (Detail)
© Foto: Haupt & Binder
Disputed Utterance. 2019 (Detail)
© Foto: Haupt & Binder
Disputed Utterance. 2019 (Detail)
© Foto: Haupt & Binder
This whole time there were no landmines. 2017
© Foto: Haupt & Binder
This whole time there were no landmines. 2017
© Foto: Haupt & Binder
Conflicted Phonemes. 2012
© Foto: Haupt & Binder
Conflicted Phonemes. 2012 (Detail)
© Foto: Haupt & Binder
Conflicted Phonemes. 2012 (Detail)
© Foto: Haupt & Binder
ZoomNextPrev

Audioanalysetechnologien bilden die Grundlage für viele von Abu Hamdans Arbeiten. Disputed Utterance (2019, Strittige Äußerung) greift eine Methode der Palatografie auf, die in Linguistik, Sprachtherapie und bei der Bewahrung von Sprachen verwendet wird. Hierbei wird die Zunge mit einem Gemisch aus Kohle und Olivenöl behandelt, so dass ein Abdruck des Gaumens beim Sprechen genommen werden kann. Abu Hamdan benutzt diese Technik für sieben "Mund-Dioramen", die aus mehreren Schichten lasergeschnittener C-Prints auf Pappe bestehen. In den präsentierten Fällen von "strittigen Äußerungen" vor Gericht geht es darum, wie die Angeklagten bestimmte Worte aussprechen und um die jeweiligen rechtlichen Konsequenzen.

In anderen Projekten setzt sich Abu Hamdan mit der Qualität und Rechtmäßigkeit von Sprachanalysen zur Herkunftsbestimmung von Geflüchteten auseinander. Solche angeblich objektiven Verfahren wurden seit den 1990er-Jahren entwickelt und seit 2001 vermehrt in Europa angewendet. Die Arbeit Conflicted Phonemes (2012, Laute im Widerstreit), die im letzten Ausstellungsraum gezeigt wird, rückt diese weit verbreitete Praxis ins Licht der Öffentlichkeit.

Aus Presseinformationen.
© Video und Fotos: Binder & Haupt, universes.art

Lawrence Abu Hamdan:
The Voice Before the Law

26. Oktober 2019 – 9. Februar 2020

Kuratorin: Ina Dinter

Hamburger Bahnhof

Museum für Gegenwart - Berlin

Invalidenstr. 50-51
10557 Berlin
Deutschland

Lawrence Abu Hamdan
* 1985 Amman, Jordanien.
Er war in den letzten Jahren bei den wichtigsten Biennalen vertreten, darunter die Biennale Venedig 2019, die Sharjah Biennale 2019 und 2017, die Gwangju Biennale 2016. Im Jahr 2019 war er einer der vier Preisträger des renommierten Turner-Preises. Außerdem gewann er 2019 den Edvard Munch Art Award des Munchmuseet und 2022 die Future Fields Commission in Time-Based Media des Philadelphia Museum of Art und der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo.


Auch interessant in UiU:

Zurück nach oben