Brasiliana: Installationen von 1960 bis heute

Acht raumgreifende Installationen brasilianischer Künstler von 1960 bis heute, präsentiert in der Schirn Kunsthalle Frankfurt / Main, 2. Okt. 2013 - 5. Jan. 2014.
Okt 2013

Anlässlich des Ehrengastauftritts von Brasilien auf der Frankfurter Buchmesse zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt eine große Ausstellung zur künstlerischen Installation in Brasilien. Acht raumgreifende Arbeiten verwandeln die Schirn vom 2. Oktober 2013 bis zum 5. Januar 2014 in einen Parcours intensiv erlebbarer, sensueller Räume und Installationen, in die der Betrachter partizipatorisch unmittelbar eingebunden wird. Anhand von Installationen der späten 1960er-Jahre bis hin zu jüngsten künstlerischen Positionen demonstriert die Ausstellung das spezifisch brasiliansiche Moment einer "Kunst der Erfahrung". Die Ausstellung vereint heute als klassisch geltende Positionen von Helio Oiticica und Neville D'Almeida, Lygia Clark, Tunga sowie Cildo Meireles mit Arbeiten der jüngeren Generation von Ernesto Neto, Maria Nepomuceno, Henrique Oliveira sowie Dias & Riedweg und schreibt somit die Geschichte der künstlerischen Installation Brasiliens bis in die Gegenwart fort.

Deutlicher als anderswo sonst tritt das Medium Installation im jungen Land Brasilien hervor, das stärker als im traditionsbelasteten Europa durch das Neue und das Gegenwärtige geprägt ist. Die Anfänge der künstlerischen Installation reichen zurück in die 1960er-Jahre und waren beeinflusst von einer Beschäftigung mit den Theorien und modernistischen Strömungen der westlichen Kunstszene. Daraus entstand eine originär brasilianische Kunst, die vom Zusammenspiel unterschiedlicher Kulturen lebt, charakteristisch, kraftvoll und ausdrucksstark ist und das sinnliche wie auch körperliche Eindringen in die Kunstwerke ins Zentrum stellt. Die Avantgarde-Künstler Lygia Clark und Helio Oiticica etwa erkannten früh das Potenzial, das in der Lösung von konventionellen künstlerischen Gattungen und Methoden liegt. Sie verabschiedeten sich vom zweidimensionalen Bild und entwarfen eine dynamische Kunst, die eng mit dem Leben verbunden ist, mannigfaltige lokale Bezüge herstellt und den Betrachter ins Zentrum der künstlerischen Produktion rückt: Kunst wurde zu einem erweiterten ästhetischen und sinnlichen Erlebnis. In den nachfolgenden Künstlergenerationen spiegelt sich dieser Ansatz in unterschiedlichen Aspekten wider. So begreifen die Künstler Cildo Meireles, Tunga, Ernesto Neto, Maria Nepomuceno, Henrique Oliviera und Dias & Riedweg die Verbindung von Kunst und Leben als elementar ebenso wie die Konzentration auf den Betrachter, dessen Sinne auf unterschiedliche Weise angesprochen werden. Augenfällig ist, dass dem Körper als Ganzes dabei besondere Aufmerksamkeit zukommt: Das Betrachten eines Kunstwerks, die vordergründig visuelle Rezeption tritt gegenüber anderen Sinnen wie dem Riechen und Hören in den Hintergrund. Die Künstler produzieren eine extensive, raumfüllende Kunst, die den Betrachter vollständig involviert, ihn umfasst, beschäftigt, sich einverleibt, ihn körperlich, taktil und visuell herausfordert.

Dr. Martina Weinhart, Kuratorin, über die Ausstellung: "Unterwegs zu einer neuen tropischen Kultur hat Brasilien seine eigene Form der Moderne entwickelt, die sich aus mannigfaltigen Einflüssen speist. Es entstand eine dynamische Kunst, die eng mit dem Leben verbunden ist und das internationale Vokabular der Moderne in typisch brasilianischer Sprache ausdrückt. Jenseits der gängigen Brasilien-Klischees haben brasilianische Künstler seit den 1960er Jahren höchst spannende und multisensorische Strategien entwickelt, bei denen die Beteiligung des Betrachters, das Taktile, die Berührung des ganzen Körpers eine zentrale Rolle spielen. Brasilianische Installation wird zum Medium des persönlichen Erlebens."

Die Künstler

Die Entwicklung des gesamten Werks von Lygia Clark (1920 - 1988) kann als kontinuierliche Auflösung des Objekts betrachtet werden. Aus der konkreten Malerei kommend, entwarf sie ein völlig neues Kunstverständnis, in dessen Mittelpunkt ihr Interesse steht, das Publikum zur Teilnahme anzuregen. In dem großformatigen Labyrinth A casa é o corpo, 1968 für die Biennale in Venedig produziert und nun in der Schirn zu sehen, kann der Besucher die Stadien von der Empfängnis bis zur Geburt noch einmal symbolisch durchschreiten. Dabei bietet die raumfüllende Arbeit ein breites Spektrum an Möglichkeiten, über die sich der Betrachter selbst einbringen kann. Clark, die sich intensiv und über Jahre mit der Psychoanalyse beschäftigte, nimmt neben der körperlichen vor allem auch die psychische Erfahrung ihrer Kunst in den Fokus. Die Arbeit erlaubt dem Beteiligten, seine eigene psychische und physische Realität zu erkunden und den Blick darauf zu schärfen.

Das Künstlerduo Dias & Riedweg nähert sich mit seinen Videoinstallationen der sozialen Wirklichkeit Brasiliens über einen dokumentarischen Ansatz. In der Arbeit Universo do baile (2008) zeichnen die Künstler ein verstörendes Bild von der Gesellschaft des Landes. Videosequenzen einer Person, die unbeholfen und offenkundig überfordert versucht, die Verfassung der Föderativen Republik Brasilien zu lesen, werden flankiert durch Szenen eines Baile Funk, einer öffentlichen Party in den Favelas. In einem schnellen, pulsierenen Rhythmus wechseln die Bilder zwischen feierlicher, ekstatischer Ausgelassenheit und explodierender, unvorhergesehener Gewalt. Über allem scheint die Staatsflagge mit dem Leitspruch "Ordem e Progresso" (Ordnung und Fortschritt) zu schweben. Die Videos des Brasilianers Mauricio Dias (* 1964) und des Schweizers Walter Riedweg (* 1955) involvieren den Besucher nicht nur als Betrachter, sondern auch, indem er auf einer aus 550 Waagen bestehenden Tanzfläche vor den Leinwänden zum Zeugen der Ereignisse wird und zugleich Gast der Veranstaltung ist.

Cildo Meireles' (* 1948) Klanginstalltion rio oir (2009/13) zielt zuerst auf das Gehör. Es sind Geräusche, die der Künstler auf Reisen entlang der großen Flüsse Brasiliens gesammelt hat. Er bringt sie als Stimmung ins Museum, wo sie das Publikum in zwei separaten Räumen in sich aufnehmen kann. Der eine Raum ist mit flirrender Silberfolie ausgekleidet, der andere vollkommen dunkel. Meireles, der als einer der wichtigsten Vertreter der brasilianischen Avantgarde auf eine lange Karriere zurückblickt, arbeitete während der Militärdiktatur in den 1970er-Jahren mit subversiven Interventionen stärker konzeptuell. Anfang der 1980er-Jahre entstanden dann auch großformatige sensuelle Environments. In all seinen Arbeiten versteht es Meireles, die Reflexion der sozialen und politischen Realität mit der sinnlichen Erfahrung des Betrachters zu verknüpfen.

Die Werke von Maria Nepomuceno (* 1976) wuchern wie eine wilde, unkontrollierte Vegetation im Ausstellungsraum, um sich als Organismen scheinbar überall festzusetzen. Doch zugleich wachsen die Formen in einer seltsam künstlichen Umgebung; archaisch und mit einer primitivistischen Formensprache spielend, sind sie auch hochartifiziell aus billigen industriellen Materialien gefertigt. Plastikperlen treffen auf Ton, Hanfseil oder Stroh, abstrakte biomorphe Formen treffen auf völlig alltägliche Gegenstände. Alles ist einem ständigen Prozess der Verwandlung unterworfen: Skulpturen werden für eine Installation entworfen und produziert, für die nächste in anderer Form und Konstellation integriert. Für die Schirn Kunsthalle hat Nepomuceno eigens eine neue Arbeit mit dem Titel Magmatic (2013) entwickelt.

Bei Ernesto Neto (* 1964) ist es der Geruch des Kunstwerks, den das Publikum wahrnimmt, noch bevor es die Arbeit selbst sieht. Netos oft monumentale Skulpturen kann der Besucher begehen, ertasten, riechen und hören. Sie aktivieren alle Sinne, brauchen Zeit für intensive Erkundungen und stellen die eigene Körpererfahrung ins Zentrum des Kunsterlebnisses. Die Arbeit Life is A River (2012) besteht im Wesentlichen aus drei großen textilen, elastischen Körpern, die mit Kreuzkümmel und Gelbwurz gefüllt sind und wie Pendel knapp über dem Boden hängen. Die Arbeit wurde für die erste Kochi-Muziris-Biennale in indischen Kerala entworfen.

Im New Yorker Exil schufen der Künstler Hélio Oiticica (1937 - 1980) und der Experimentalfilmer Neville D'Almeida (* 1941) gemeinsam eine Serie von fünf Arbeiten, die heute als Cosmococas bekannt ist. Es handelt sich um spielerische, halluzinatorische Environments, die Raum für vielfältige Eindrücke, Erfahrungen und Experimente bieten. Sie bestehen jeweils aus einer quasi-filmischen Dia-Projektion von Ikonen der westlichen Popkultur wie Marilyn Monroe, Yoko Ono oder John Cage, deren Bilder mit Kokainlinien überzeichnet sind. Die Projektion ist mit Musik untermalt und in ein installatives Setting integriert, das die rein visuelle Aufnahme durch unterschiedliche körperliche Erfahrungen erweitert. In der Schirn wird die Cosmococa CC5 Hendrix War präsentiert.

Henrique Oliveira (* 1973) fertigt begehbare Skulpturen aus simplen, alltäglichen, "armen Materialien", wie sie in Brasilien überall im öffentlichen Raum zu finden sind, und knüpft damit die ästhetische Erfahrung über die Materialität an eine gesellschaftliche Perspektive. Sein Ausgangsstoff sind Tapumes, in São Paulo großflächig eingesetzte Bauzäune aus sehr dünnem Sperrholz, die in den Favelas auch als Baumaterial Verwendung finden. Dieses Holz verarbeitet Oliveira mit einer organischen, weichen Formensprache zu überwältigenden höhlenartigen Installationswelten, durch die sich der Besucher bewegen kann. Dies ist auch bei der Arbeit der Fall, die Oliveira eigens für die Ausstellung in der Schirn gefertigt hat.

Mit seinem surrealen tropischen Barock ist Tunga (* 1952) Schöpfer überraschender und fremder Welten, in die er Skulptur, Installation und Performance gleichermaßen integriert. Das Symbolische und das Imaginäre stehen hier im Mittelpunkt. Tunga baut ausdrucksstarke Installationen aus Magneten, Eisen, Draht, Glas und Kristallen. Durch die Kombination ungewöhnlicher Materialien verunsichert der Künstler die Wahrnehmung des Betrachters, auf den subtile psychologische Kräfte einwirken, die mit dem Ritus, dem Archaischen und dem Untergründigen spielen. Die in Bronze gegossene Massivität enthält dabei stets ein Moment der Vergänglichkeit wie bei Triade Trindade (2002), einer Installation, die durch eine Performance zur Eröffnung der Ausstellung am 1. Oktober, um 19 Uhr enthüllt wird. Dabei schmieren die Performerinnen umlagert von Männern in Gefängniskleidung in einem kryptischen Ritual Make-up auf eine merkwürdig kannibalistisch anmutende Feuerstelle. Alchimie, magische Rezepte, Beschwörung der Natur - das Universelle trifft auf das Alltägliche, High und Low verschmelzen, und alles ist immer im Übergang. Werden statt Sein.

Die Ausstellung wird gefördert durch Funarte sowie durch das brasilianische Kulturministerium und das Außenministerium. Darüber hinaus wird sie unterstützt durch die Novomatic AG.

Katalog:
Brasiliana: Installationen von 1960 bis heute /
Brasiliana: Installations from 1960 to the Present
Herausgegeben von Martina Weinhart und Max Hollein.
Vorwort von Max Hollein, Einführung von Martina Weinhart, Essays von Caue Alves, Monica Amor, Michael Asbury, Paula Azulgaray, Fernando Cocchiarale, Rafael Cardoso, Jochen Volz, Guilherme Wisnik.
Deutsch / Englisch, 160 Seiten, ca. 160 Abbildungen.
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2013.
ISBN 978-3-86335-419-0, Preis: 25 € (Schirn)

(Aus Presseinformationen)

Brasiliana.
Installationen von 1960 bis heute

2. Oktober 2013 - 5. Januar 2014

Schirn Kunsthalle Frankfurt
Römerberg
60311 Frankfurt
Deutschland
Website Email

Kuratorin:
Dr. Martina Weinhart

Kuratorische Assistenz:
Lea Schleiffenbaum

Künstler:
Lygia Clark
Mauricio Dias & Walter Riedweg
Cildo Meireles
Maria Nepomuceno
Ernesto Neto
Hélio Oiticica / Neville D'Almeida
Henrique Oliveira,
Tunga

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