Leandro Erlich: Friseursalon

Installation aus zwei gespiegelten Räumen, geschaffen für die 2. Singapur Biennale 2008.
Von Fumio Nanjo | Sep 2008

Leandro Erlich hat für die Singapur Biennale 2008 einen Raum im South Beach Development zu einem Friseursalon umgebaut. Die Installation ist zweigeteilt. Wenn man auf die (vermeintlichen) Spiegel an einer Wand blickt, scheint es so, als würde der Friseursalon in diesen gespiegelt werden. Doch die "Spiegel" sind Öffnungen, durch die man einen identischen, spiegelverkehrten Raum auf der anderen Seite sieht. Diese Doppelraumspiegelung wird als ein Trick benutzt, als ein Kunstgriff, um die Besucher zu verblüffen und interessante Fragen über Realität und Illusion aufzuwerfen. Uns wird damit vor Augen geführt, dass das, was man für eine Illusion hält, durchaus real sein könnte und nur ein schmaler Grat Illusion und Realität trennt.

Erlich hat viele Kunstwerke geschaffen, die mit voller Absicht unsere Wahrnehmung des Raumes durcheinander bringen und uns über das frappiert sein lassen, was sich vor unseren Augen eröffnet. In Bâtiment (2004), einer seiner bekannten Arbeiten, werden die Besucher zu Beteiligten, indem sie die angebliche Fassade eines Gebäudes "erklimmen". In Der Swimmingpool (1999) kann das Publikum scheinbar unter die Wasseroberfläche gehen. Die Installation war in 2001 in der Biennale Venedig ausgestellt [1] und gehört zur permanenten Sammlung des Museums des 21. Jahrhunderts für Zeitgenössische Kunst in Kanazawa, Japan. Solche Arbeiten verändern den Platz, an dem wir stehen, überraschen uns und lassen uns erstaunt über die Realität nachdenken. Sie machen uns die Wandlungsfähigkeit unserer Wahrnehmung bewusst.

Charakteristisch für die Werke von Erlich ist, dass sie interaktiv sind und das Publikum ermutigen, sich in sie hinein zu begeben. Diese unberechenbaren Installationen wären ohne die Beteiligung des Publikums unvollständig, denn es gibt dabei ein szenisches Element ähnlich wie beim Theater. Wahrheit und Phantasie liegen dicht beisammen. Dort wo wir die Fähigkeit brauchen, die Täuschung vom Realen zu unterscheiden, lauert auch das Wunderbare der Wirklichkeit [2].

 

<line>Redaktionelle Anmerkungen:</line>

  1. Siehe den Rundgang durch die 49. Biennale Venedig von Universes in Universe.
  2. Das Thema der 2. Singapur Biennale 2008 ist Wonder - in der vielfachen Bedeutung des englischen Begriffs: Wunder, verwundert oder erstaunt sein, neugierig sein, sich über etwas Gedanken machen, etc.


Fumio Nanjo

Kurator, Kunstkritiker, Dozent. Direktor des Mori Art Museums in Tokyo. Künstlerischer Leiter der 1. und der 2. Singapur Biennalen.

(Text aus dem Kurzführer der Singapur Biennale 2008. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Veranstalters der Biennale. Redaktionell bearbeitete Übersetzung aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Friseursalon. 2008
Installation aus zwei gespiegelten Räumen


Siehe auch:

City Hall thumb
11. September - 16. November 2008. Thema: Wonder. Künstlerischer Leiter: Fumio Najo, Curatoren: Joselina Cruz, Matthew Ngui.
UiU Magazin
Zurück nach oben