Alfredo & Maria Isabel Aquilizan

Adresse und Flug: Installationen der philippinischen Künstler, basierend auf Kooperation und Sammeln.
Von Matthew Ngui | Sep 2008

Kooperation und Sammeln, Gemeinschaft und Familie, Ortsveränderung und zeitweilige Wohnsitze, Erinnerung und Identität sind Prozesse und Themen, um die es im Schaffen des Künstlerpaares Alfredo Juan Aquilizan und Maria Isabel Gaudinez-Aquilizan geht. Beide stammen von den Philippinen und sind kürzlich mit ihren Kindern nach Brisbane, Australien, umgesiedelt. Da sie das, womit sie sich in ihren Kunstwerke beschäftigen, buchstäblich selbst durchleben, sind die Aquilizans besonders darauf konzentriert, die Komplexität der Gefühle zu vermitteln, die mit einer sozialen, aus der Unerlässlichkeit oder Notwendigkeit von Veränderung resultierenden Dislokation verbunden sind.

In Erasure and Remembrance (Löschung und Angedenken) in der 6. Biennale Havanna 1997 wurden 10.000 benutzte Zahnbürsten dicht bei dicht installiert, die sie von den Bewohnern einer kleinen Stadt auf den Philippinen gesammelt hatten. In den Serien von prozesshaften Arbeiten im Rahmen des Projekts Be-longing, das 1999 begann und weiter andauert, begannen die Künstler, Gegenstände von Bewohnern der Philippinen zusammenzutragen, die nach Australien emigrieren mussten. In ihren <emphasize>Dream Blanket projects</emphasize> (2002 in Japan und Südkorea und 2005 in den USA) sammelten sie Bettdecken und Träume, zwei sehr persönliche Sachen, um Installationen daraus zu schaffen.

Es gibt zwei wichtige Fäden, die diese Werke und die Praxis der Künstler verbinden. Zum einen ist das der Prozess des Sammelns der persönlichen Gegenstände und Objekte, die einen gemeinschaftlichen Rahmen ausmachen. Die Zusammenarbeit zwischen den Communities und den Aquilizans bietet eine Plattform für einen Dialog und den Austausch von Ideen, und im Ergebnis dessen entwickeln sich ein neues Verständnis und neue Beziehungen. Zum anderen scheinen diese benutzten Gegenstände mit ihren angehäuften Geschichten und den persönlichen, physischen Kontakten mit den einzelnen Benutzern die Erfahrungen und das Leben der Leute zu verkörpern. Wenn sie in den Installationen der Künstler in riesiger Zahl präsentiert werden, teilt sich eine überwältigende Wahrnehmung geteilter und vielfältig gelebter menschlicher Erfahrungen mit. Deshalb sind die Aquilizans mit einem Prozess des Sammelns und der Präsentation beschäftigt, der auf der Kenntnis dessen beruht, was sie außerhalb und innerhalb ihrer eigenen gelebten Erfahrung beobachten.

Address (2007-2008) repräsentiert einen Entwicklungsprozess, der sich über mehr als zehn Jahre hinzieht und begann, als die ersten persönlichen Sachen in Balikbayan-Kisten "gewürfelt" gesammelt wurden. Das sind die Kisten, die viele philippinische Migranten benutzen, um ihre persönliche Habe nach Hause zu transportieren. Die Aquilizans benutzten diese Kisten als Module, um ihre eigenen Sachen zu "würfeln", als sie von den Philippinen nach Australien zogen. Diese 140 "Kuben" aus persönlichen Habseligkeiten sind jetzt als "Bausteine" bei der Konstruktion von Address benutzt, einem Raum mit einer Tür, aber ohne Dach.

In diesem Jahr war Address in der Gallery of South Australia in der Ausstellung "Handle with Care" (Mit Vorsicht behandeln) zu sehen. Jetzt im South Beach Development im Rahmen der Singapur Biennale 2008 gezeigt, ist Address eine eindringliche Erinnerung an die Vergänglichkeit der Dinge, denn das Gebäude selbst ist für massive Umbauten vorgesehen.

Am Central Promontory Site zwischen dem Containart Pavilion (speziell für die Singapur Biennale 2008 errichtet) und dem Wasser der Marina Bay präsentieren die Aquilizans Flight (2008, Flug), eine Installation unter freiem Himmel, bestehend aus 4.000 Gummilatschen, die auf Bambusstäbe gespießt sind. Diese Arbeit basiert auf Daing (2003), bei der die Künstler mit den Bewohnern eines Fischerdorfes auf den Philippinen zusammenarbeiteten, um eine Installation aus Gummilatschen und Windharfen auf Bambusstöcken zu schaffen, die scheinbar "ins Meer zurückkehrte". Daing bedeutet in Tagalog "Klage" und wird auch für konservierten, gesalzenen Fisch benutzt. Die Installation ehrt die Tradition, indem sie nicht nur für die Künstler, sondern auch für die Bewohner des Fischerdorfes eine fundamentale Aktivität des Machens von Kunst ist.

 

Matthew Ngui

Bildender Künstler, lebt in Singapur und in Australien. Zahlreiche internationale Ausstellungen, darunter diverse Biennalen und die Documenta 1997 in Kassel. Ko-Kurator der 2. Singapur Biennale 2008.

(Text aus dem Kurzführer der Singapur Biennale 2008. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Veranstalters der Biennale. Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Adresse (Projekt: Ein anderes Land). 2007 - 2008
Installation

Flug. 2008
Installation

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