Estudio Abierto

Kunstfestival in Buenos Aires. Interview mit A. Battistozzi; Fotos aus mehreren Editionen.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Jan 2007

Dieses Festival zeitgenössischer Kunst und Kultur wird seit dem Jahr 2000 vom Kulturministerium der Stadt Buenos Aires veranstaltet. Es findet jedes Mal an anderen Orten statt und bietet den teilnehmenden Künstlerinnen, Künstlern und Gruppen einzigartige Gelegenheiten, mit der Topografie und der Geschichte der argentinischen Metropole in Dialog zu treten. Während das Land eine der schwersten Krisen seiner Geschichte durchlitt, öffnete Estudio Abierto Türen in einem Viertel nach dem anderen: zuerst die von Künstlerateliers, dann die von leer stehenden historischen Gebäuden, die mit neuem Sinn erfüllt wurden und in denen künstlerische Interventionen ein spannungsvolles Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart zutage treten ließen. Das waren die ehemaligen Lagerhallen in San Telmo, La Boca, Palermo Viejo und Abasto, das frühere Kaufhaus Harrod's in Retiro, die Passage Barolo und das Kaffeehaus El Molino in der Avenida de Mayo sowie die Marinebasis im Hafen. 2006 fand im Palacio de Correos (Postgebäude) die bislang ambitionierteste Edition statt, an der über 300 bildende Künstler, Musiker, Filmemacher, Schauspieler und Theaterensembles teilnahmen.

Zuerst in Buenos Aires und anschließend via Email haben wir Ana María Battistozzi, die Leiterin des Estudio Abierto, zu diesem interessanten Projekt befragen können. Sie hat uns außerdem die Fotos zur Verfügung gestellt, die wir auf den Folgeseiten veröffentlichen, wofür wir ihr herzlich danken.

Universes in Universe: Das letzte Estudio Abierto fand im Palacio de Correos statt, und für die früheren Editionen wurden ebenfalls emblematische Gebäude der Stadt als Austragungsorte gewählt. Auf welchem Konzept beruhen diese Veranstaltungen?

Ana María Battistozzi: In den meisten Fällen handelt es sich um Gebäude, die zum historischen Erbe gehören und aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr genutzt wurden, die während des Baubooms vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre entstanden und das Stadtbild lange prägten. Sie stehen für eine Epoche, in der man glaubte, Argentinien sei eine der ganz großen Nationen. Es entstand die Idee, solche ihres Sinnes entleerten und nicht mehr funktionierenden Bauten mit zeitgenössischer Kunst zu bespielen und dafür die argentinischen - und auch ausländische - Künstler aufzurufen, den in jedes dieser Gebäude eingeprägten historischen Spuren zu folgen und sich aus der Perspektive der Gegenwart mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das geschah besonders deutlich bei der letzten Edition, für die wir als thematischen Rahmen "Die Illusion des Modernen" vorgaben, denn der enorme Postpalast, der von einem französischen Architekten aus der Ferne entworfen wurde und den wir zeitweilig besetzten, war für die damalige argentinische Machtelite ein Symbol der Moderne. Der riesige Baukörper mit seiner dem Hafen zugewandten Front und der Rückseite in Richtung Pampa, der unsere einwandernden Großeltern so sehr beeindruckte, ist heute nichts weiter als eine leere Kiste. Einige argentinische Künstler bezogen sich auf seine Geschichte, andere gingen mit Installationen in die Räume hinein und untersuchten, inwieweit sich ihr Werk räumlich ausweiten ließe - etwas, das vom Kunstmarkt in diesem Land mit seiner eigenen Logik nicht gefördert wird. Einige Künstler aus dem Ausland, wie die Italiener Paolo Bertocchi und Vanesa Cimera, kontrastierten die Vorstellungen, die man in Europa früher von Argentinien als einem gut situierten Land hatte, der "Kornkammer der Welt", mit den heutigen. Der Spanier Francisco Ruiz Infante präsentierte eine sehr interessante Installation über die letzte große Krise, die man hierzulande immer noch spürt, obwohl sich die Situation in den letzten Jahren schon verbessert hat. Wer von außen kommt, ist stark beeindruckt davon, wie der Müll vielen Leuten am Rande der Gesellschaft als Einkommensquelle dient.

UiU: Wie entstand die Idee des Estudio Abierto und wie viele Editionen hat es bislang schon gegeben?

Ana María Battistozzi: Estudio Abierto entstand als ein nomadisierendes Projekt, bei dem sich die Künstler mit der Topografie der Stadt auseinandersetzen. Bis jetzt fanden neun Editionen in mehreren Bezirken von Buenos Aires statt. Vom ersten Moment an war klar, dass verschiedene und ganz aktuelle künstlerische und kulturelle Manifestationen mit dem Spezifischen eines jeden Stadtviertels zusammengeführt werden sollen. Das Viertel Abasto ist z.B. als Heimat der Tangolegende Carlos Gardel bekannt, der "el morocho del Abasto" (der Schwarzhaarige von Abasto) genannt wurde. Von den Märkten in Abasto wurde Buenos Aires ein halbes Jahrhundert lang mit Früchten versorgt. In den 1930er Jahren war diese Vorstadt mit der Tangokultur verbunden. In den 1980ern verlegten diverse Künstler, wie Roberto Fernández und Marcia Schvartz, ihre Wohnungen und Ateliers dorthin, und in den 1990ern wurde das Viertel zu einem Zentrum des alternativen Theaters. In Estudio Abierto 2002 gab es zahlreiche Bezüge darauf, um die Vergangenheit, die Gegenwart und die charakteristischen Schichten dieser Gegend zu erfassen.

UiU: Welches ist der Leitgedanken von Estudio Abierto? Ist es der Rundgang durch die Ateliers oder mehr die Wiederbelebung und Wertschätzung historischer Gebäude?

Ana María Battistozzi: Im Grunde geht es um beides. Anfangs waren die Atelierrundgänge für das Publikum sehr attraktiv. Wir begannen damit in San Telmo, wo etliche herausragende Künstler ihre Ateliers haben, so z.B. Josefina Robirosa, Carlos Gorriarena, Marcos López, RES, Alicia Carletti, Matilde Marín, Claudia Aranovich, Magdalena Jitrik, Fabián Burgos. Sie gehören verschiedenen Generationen an und ermöglichten dem Publikum unterschiedliche Einblicke in die aktuelle Kunstproduktion. In der letzten Edition stießen die Führungen durch die vier Geschosse des Palacio de Correos auf sehr großes Interesse. Viele Besucher, die daran teilnahmen, gehen normalerweise kaum in Museen und Galerien und verfolgen das Kunstgeschehen nicht. Sie interessierten sich aber für die Werke, als sie ihnen von den Künstlern selbst erklärt wurden. Im allgemeinen entwickelt man ja eine größere Affinität zu dem, was man näher kennen lernt, seien es die Künstler oder die Gebäude der Stadt. Ich denke, in den neun Editionen hat Estudio Abierto wesentlich zur Bildung eines neuen Publikums beigetragen. Und das vor allem im Sinne einer Vermittlung von Wesenszügen der zeitgenössischen Kunstpraxis, wie etwa der räumlichen Expansion, der Nutzung neuer Technologien und des Interdisziplinären.

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

Estudio Abierto
Offenes Atelier

Festival zeitgenössischer Kunst und Kultur

9. Edition:
Estudio Abierto Centro
16. Nov. - 3. Dez. 2006

Ausstellungsort:
Palacio de Correos
Av. Corrientes 106

Thema:
Die Illusion des Modernen

Kuratoren - visuelle Künste:
Rodrigo Alonso, Marcelo de la Fuente, Andrés Duprat, Valeria González, Rafael Cippolini, Ana Battistozzi und Nekane Aramburu

UiU Magazin
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