Dr. Khaled Alawadi - Interview

Von Pat Binder und Gerhard Haupt

Dr. Khaled Alawadi; Saqer Nasser Alraisi, Botschafter der VAE in Italien; Noura Al Kaabi, Ministerin für Kultur und Entwicklung des Wissens, bei der Eröffnung.


Binder & Haupt: Angesichts Ihrer Ausstellung erinnern wir uns daran, wie wir das erste Mal den Kontrast zwischen Dubais Faszination für "bigness" und dem aus flachen Häusern bestehenden "normalen" Lebensbereich der Leute erlebt haben. Das war 2004, als beiderseits der Sheikh Zayed Road nur je eine Reihe von Hochhäusern stand und wir in eines der Viertel gleich dahinter fuhren, um unseren Freund, den verstorbenen Künstler Hassan Sharif, zu besuchen. Hassan lebte damals in einem winzigen Haus in Al Satwa, wo er in einem extrem heißen Innenhof die heute so berühmten Objekte aus recyceltem Material schuf. Warum haben Sie neben diesem Viertel Al Satwa auch das Gebiet Al Shorta, ebenfalls in Dubai, gewählt, um die Ergebnisse Ihrer Forschung zu präsentieren?

Dr. Khaled Alawadi: Die Karte der verdrängten traditionellen Viertel in Dubai weitet sich aus. Es gibt nicht mehr so viele davon, und Al Shorta war ein gutes noch verbliebenes Beispiel. Allerdings ist auch dieses Viertel im Sommer 2018 geräumt worden, um den Weg für eine neue Bebauung freizumachen.


 

Binder & Haupt: Welche anderen Aspekte sind für die Baniyas-Viertel in Abu Dhabi so charakeristisch, die Sie in Venedig vorstellen?

Dr. Khaled Alawadi: Wir vermitteln den Besuchern eine detaillierte morphologische Analyse des Gebietes von seiner Fläche bis zur Gesamtgröße des Stadtteils. Auch das menschliche Verhalten haben wir kartographiert, indem wir Bewohner befragten, ihre Aktivitäten beobachteten und die Geschichten Einzelner aufzeichneten.


Binder & Haupt: Eine der urbanen Typologien, auf die Sie ihre Forschungen richten, ist das "Netzwerk von Straßen und sikkak". Bezieht sich der Begriff "sikkak" nur auf die Reste einer traditionellen "organischen" Urbanisierung? Oder werden die engen Gassen zwischen den Hochhäusern ebenfalls sikka genannt?

Dr. Khaled Alawadi: Sikkak (Singular: sikka) sind enge Gassen zwischen Grundstücken, die es in der urbanen Struktur der Region üblicherweise gibt. Sikkak sind wichtig für den Zugang von Fußgängern und ein Schlüsselelement in der Hierarchie des Netzes von Verkehrswegen. Sie komplementieren und vergrößern das Hauptnetzwerk der Straßen - die sowohl dem motorisierten wie auch dem nicht-motorisierten Verkehr dienen -, indem sie für die Fußgänger die Anzahl der verfügbaren Gehwege vergrößern.

In Venedig präsentieren wir einen typologischen Index von Sikkak im Stadtzentrum von Abu Dhabi. Sikkak gibt es sowohl in den alten wie auch in den neuen Vierteln. Sie befinden sich einfach zwischen zwei Gebäuden unabhängig von deren Größe oder Höhe.


 

Binder & Haupt: Beim Betrachten der Ausstellung stellt man fest, dass die Menschen alltägliche Lösungen für die Nutzung des Raums finden, die ihren sozialen Bedürfnissen entsprechen, und das oft "trotz" oder sogar gegen die offizielle Planung von oben herab. Wie möchten Sie mit Ihrer Forschung zu einem tieferen Verständnis dieser Prozesse beitragen? Und inwieweit erwarten oder wünschen Sie, dass die Ergebnisse Ihrer Forschung städtebauliche Entscheidungen in der VAE beeinflussen?

Dr. Khaled Alawadi: Die Ausstellung Lifescapes Beyond Bigness lenkt die Aufmerksamkeit auf die Verdienste und Vorzüge von urbanen Landschaften nach menschlichem Maß, um eine Debatte über die aktuelle Praxis urbaner Entwürfe anzustoßen, die allgemeine Wahrnehmung der Vorliebe in den VAE für Mega-Urbanismus zu ändern und eine starke Basis für die nächste Generation urbaner Gestaltung in der Region schaffen.

Die urbane Form in der Region ist gegenwärtig durch ökonomische Interessen bestimmt, und unsere Forschung bietet eine fruchtbare Grundlage für ein Nachdenken über die Zukunft urbanen Designs in den VAE und darüber hinaus.


 

Binder & Haupt: Eine solche Ausstellung für einen Pavillon auf der Biennale Venedig zu konzipieren ist eine große Herausforderung, insbesondere weil ein heterogenes Publikum erreicht werden muss, das sowohl aus Spezialisten wie normal Interessierten, Besuchern aus den Emiraten und aus anderen Ländern besteht, und vielen die Topographie und der Kontext Ihres Landes nicht vertraut sind. Wie gehen Sie damit um?

Dr. Khaled Alawadi: Wir haben den Details und dem informativen Gehalt besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Hinzu kommt, dass viel von unserem gezeigten Material für sich selbst spricht oder durch erläuternde Texte ergänzt ist.


 

Binder & Haupt: Setzen Sie diese Forschung in anderen Emiraten fort? Auch wenn der Kontrast vielleicht nicht so stark ist, scheint es an manchen Orten doch so zu sein, dass die urbanen Veränderungen in die gleiche Richtung gehen wie in Dubai und Abu Dhabi. Demgegenüber bemühen sich Entscheidungsträger andernorts offenbar darum, solche Entwicklungen zu vermeiden oder zumindest mehr zu steuern.

Dr. Khaled Alawadi: Es gibt Pläne, die Städte Sharjah und Ajman zu studieren. Ich bemühe mich gegenwärtig darum, einige neue Gegenden in Dubai und Abu Dhabi einzubeziehen. Wenn diese Studie vervollständigt ist, wird Lifescapes Beyond Bigness an neuen Orten landen und weitere Gebiete und Menschen erforschen.


Pat Binder und Gerhard Haupt
Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst

Nationaler Pavillon der VAE
16. Internationale Architekturausstellung, La Biennale di Venezia

26. Mai - 25. November 2018

Ort: Arsenale - Sale d'Armi

Titel: Lifescapes Beyond Bigness

Kurator: Dr. Khaled Alawadi

Kommissar: Salama bint Hamdan Al Nahyan Foundation
Gefördert vom VAE Ministerium für Kultur und Entwicklung des Wissens

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