Archäologen finden den Eingang zu einem Tunnel in Teotihuacan
Nationales Institut für Anthropologie und Geschichte Mexikos, Pressemeldung, 3. August 2010

Nach achtmonatigen Ausgrabungen haben Archäologen des Nationalen Instituts für Anthropologie und Geschichte (INAH) in 12 m Tiefe den Eingang zu einem Tunnel gefunden, der zu mehreren Kammern unter dem Tempel der Gefiederten Schlange in Teotihuacan führt. Dort werden Gräber von Herrschern der antiken Stadt vermutet.

Bei einem Rundgang für Pressevertreter am 3. August 2010 hat der Archäologe Sergio Gómez Chávez, Direktor des Proyecto Tlalocan: Camino bajo la tierra (Projekt Tlalocan: Weg unter der Erde) die Fortschritte der systematischen Ausgrabungen des INAH an diesem unterirdischen Gang bekannt gegeben, der vor etwa 1.800 Jahren von den Teotihuacanern verschlossen und seitdem nicht wieder betreten wurde.

Die Experten des INAH hoffen, in einigen Monaten in den Tunnel vorstoßen zu können. Bei dieser Ausgrabung handelt es sich um die tiefste, die bislang an einem vorspanischen Ort vorgenommen wurde. Sie ist ein Teil der Gedenkfeierlichkeiten anlässlich der ersten 100 Jahre ununterbrochener archäologischer Untersuchungen dieses auch "Stadt der Götter" genannten Ortes und seiner Öffnung für das Publikum im Jahr 1910.

Wie Gómez Chávez erläuterte, führt der Tunnel unter den Tempel der Gefiederten Schlange, dem bedeutendsten Gebäude des Komplexes La Ciudadela (Zitadelle), und sein Eingang befindet sich nur wenige Meter von dieser Pyramide entfernt. Der Zugang erfolgte durch einen vertikalen Grabungsschacht von etwa 5 m x 5 m, der jetzt schon 14 m tief ist. Der dort gefundene Eingang führt zu einem etwa 100 m langen Korridor, der in mehreren in den Fels gehauenen Kammern endet.

Der Tunnel wurde zwar schon Ende 2003 von Sergio Gómez Chávez und Julie Gazzola entdeckt, aber seine Untersuchung erforderte mehrere Jahre genauer Planung und die Beschaffung der für Forschungen auf höchstem technischen Niveau notwendigen Finanzierung. Die Arbeitsgruppe besteht aus mehr als 30 Personen, zu denen national und international anerkannte Experten gehören.

Bevor die Grabungen begannen, haben die Archäologen des INAH mit Dr. Víctor Manuel Velasco von Geophysikalischen Institut der Nationalen Autonomen Universität (UNAM) zusammengearbeitet, der mit Hilfe eine Geo-Radars feststellen konnte, dass der Tunnel etwa 100 m lang ist und zu großen Kammern führt. Zur eingesetzten Technik gehört auch ein hochempfindlicher Laserscanner mit großer Auflösung, der die Fundstücke der Grabung dreidimensional erfasst.

Erst vor wenigen Wochen konnten die Archäologen bestätigen, dass sich der Eingang zum Tunnel tatsächlich an der lokalisierten Stelle befindet. Sie öffneten eine kleine Lücke im oberen Teil des Zugangs und nahmen mit dem Scanner erste Bilder vom Inneren des ca. 100 m langen Ganges auf, wobei sie nur die ersten 37 m erfassen konnten. Wie Ángel Mora von der technischen Abteilung der CNMH (Nationale Koordination Historischer Monumente) des INAH und Ingenieur Juan Carlos García, der den Scanner mit einer Reichweite von 300 m bedient, erläuterten, sind die Laserstrahlen in 37 m Entfernung auf ein Hindernis gestoßen, möglicherweise Steine eines Einbruchs oder eine Abstufung.

"Wir müssen noch weitere 2 m ausgraben, um bis zum Boden des Tunnels zu gelangen. Die ersten Bilder vom Inneren erlauben uns jetzt, die Öffnung besser zu planen. Doch in jedem Falle werden wir noch große Mengen Erde und einen schweren Steinblock wegschaffen müssen, der den Zugang versperrt." Bis jetzt mussten etwa 200 Tonnen Erde beiseite geschafft werden, in der man etwa 60.000 Fragmente von Artefakten und Keramiken gefunden hat.

Sergio Gómez sagte desweiteren, man könne die die Entstehungszeit des Tunnels noch nicht genau feststellen, doch hätte man schon mehr Klarheit darüber, wann er verschlossen wurde. "Verschiedene Anzeichen deuten daraufhin das der unterirdische Gang zwischen 200 und 250 n. Chr. verschlossen worden ist, wahrscheinlich nachdem etwas im Inneren eingelagert wurde. Eine unserer Hypothesen ist, dass wir in den großen Kammern, die von unserem Geo-Radar erfasst wurden, die Überreste wichtiger Persönlichkeiten der Stadt finden könnten."

Wie der Archäologe weiter ausführte, hätten die Forschungen ergeben, dass dieser Tunnel mit ziemlicher Sicherheit vor dem Bau des Tempels der Gefiederten Schlange und des Zitadelle genannten Komplexes angelegt wurde. Der Tunnel sei zur gleichen Zeit wie eine große architektonische Struktur entstanden, die angesichts ihres Grundrisses ein Ballspielplatz gewesen sein könnte. Eine genauere Untersuchung sei schwierig, weil das Spielfeld zerstört und eingeebnet wurde, als die Teotihuacaner den Zugang zum Tunnel mit einer großen Menge Steine verschlossen, weshalb den Archäologen heute nur noch kleine Reste für ihre Untersuchungen zur Verfügung stünden.

Grabungsleiter Sergio Gómez Chávez sagte, hinsichtlich der Bedeutung und Symbolik des Tunnels sei eine Verbindung mit den Konzepten der Unterwelt anzunehmen. Von daher könnte es durchaus möglich sein, dass an diesem Ort Initiations- und göttliche Investiturrituale der Herrscher von Teotihuacan stattgefunden haben. Wie man weiß, sind die Herrscher an den heiligsten Orten beerdigt worden. "Seit langer Zeit haben Archäologen aus Mexiko und anderen Ländern versucht, die Gräber der Herrscher der antiken Stadt ausfindig zu machen, doch blieb die Suche bislang vergeblich. ... Deshalb wachsen unsere Hoffnungen von Tag zu Tag, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass sich im Inneren ein wichtiges Grab oder Opferbeigabe befinden. Allerdings sind wir nicht davon besessen, denn die systematische Erkundung des Tunnels selbst ist von enormer Bedeutung für die archäologische Forschung und eine unvergleichliche Möglichkeit, uns dem kosmogonischen und religiösen Denken der alten Teotihuacaner anzunähern."

Bis jetzt sind bei den Ausgrabungen Tausende kleiner Ornamente auf Muscheln, Jade aus Guatemala sowie Artefakte aus Serpentin, Schiefer und Obsidian gefunden worden, die von den Teotihuacanern beim Verschließen des Eingangs vergraben wurden. Zu den Funden gehören auch Fragmente eines Frieses, das irgendein Gebäude aus der Zeit vor der Pyramide der Gefiederten Schlange schmückte und abgerissen wurde.

Sergio Gómez meint, es sei gut möglich, dass der entdeckte Tunnel an sich das wichtigste und heiligste Element ist, über dem von 100 v. Chr. an die ersten Bauten an diesem Ort errichtet worden sind, wozu dann später auch der Komplex von La Ciudadela gehörte, der die erhabenste Bühne für Rituale in Zusammenhang mit den Mythen der Schöpfung und des Beginns der mythischen Zeit war.


(Pressemeldung, Nationales Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH), Mexiko, 3. August 2010.
© Übersetzung aus dem Spanischen: Haupt & Binder)
Universes in Universe dankt dem Instituto Nacional de Antropología e Historia (INAH) für die Erlaubnis, seine Fotos zu veröffentlichen.
© Copyright: Die deutsche Übersetzung und die Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten.


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