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Nordtheater

Nordtheater / © Foto: Haupt und Binder, Universes in Universe

Das Nordtheater von Gerasa

Als das außergewöhnlich gut erhaltene Nordtheater umfassend restauriert wurde, hat ein Archäologenteam die zahlreichen Inschriften untersucht. Seine Erkenntnisse über die Entstehung, Funktion und Erweiterung des Bauwerks sind in einem Artikel von J. Seigne and S. Agusta-Boularot (2005, französisch) veröffentlicht, aus dem die meisten der hier knapp zusammengefassten Informationen stammen.

Aus der Bauweise, den verwendeten Materialien und der architektonischen Gestaltung schließen die Experten, dass das Gebäude bereits in der ersten Hälfte des 2. Jh. n. Chr. entstanden ist, vielleicht um 135/140 n. Chr. in einer Phase großer städtischer Umstrukturierung. Es wurde als ein bouleuterion erbaut, d.h. als Versammlungsort der boule (Stadträte) und Vertreter weiterer Verwaltungseinheiten von Gerasa.

Zu Beginn der Doppelregentschaft der römischen Kaiser Marcus Aurelius und Lucius Verus (161 - 169 n. Chr.), wahrscheinlich zwischen 161 und 163 n. Chr., erfolgte ein erster Ausbau, bei dem das korinthische Bühnengebäude (scaenae frons - siehe unten) entstand, wie eine Widmung über dessen zentraler Tür auf der Nordfassade belegt. Diese Inschrift wurde um 165/166 n. Chr. geändert, als das bouleuterion zu einem Odeon umgewandelt worden ist, einem kleinen Theater für Rezitationen, Gesangs- und Musikdarbietungen, in dem auch weiterhin Versammlungen stattfanden. In der Folgezeit musste dafür die Sitzkapazität der cavea (halbrunder Zuschauerbereich) wesentlich erhöht werden (mehr dazu weiter unten).

© Grundriss, adaptiert von Universes in Universe aus einer Informationstafel am Ort.

Zugang vom Nord-Decumanus

Der repräsentative Eingang befindet sich am Nord-Decumanus. Diesem direkt gegenüber markieren vier korinthische Säulen den Zugang zu einer 100 m langen und 28 m breiten zivilen Basilika, die nur zum Teil erforscht ist. Gleich daneben erstreckt sich ein riesiges Areal nach Osten bis hin zum nördlichen Cardo, das die Agora (zentraler Fest-, Versammlungs- und Marktplatz einer Stadt) gewesen sein könnte (mehr dazu und Fotos). Das bouleuterion bzw. Odeon war also Teil eines größeren Bürgerkomplexes im nördlichen Viertel von Gerasa.

Vor den drei Toren des Odeons auf dessen Nordseite öffnet sich ein etwa 28 x 10 m großer Hof. Zu diesem führt vom Decumanus eine 15 m breite Treppe mit insgesamt 14 Stufen hinauf. Auf dem breiten Absatz nach den ersten 7 Stufen versperrte ein hohes schmiedeeisernes Gitter mit einer kleinen Doppeltür den Zugang. Den Hof und das Odeon durfte demzufolge nicht jeder betreten.

Am Rand des Hofes oberhalb der Treppe stand ein Portikus mit vier 10,50 m hohen korinthischen Säulen. Auf dessen Architrav fand man eine fast vollständige Bauinschrift mit den teilweise unkenntlich gemachten Namen des Kaisers Severus Alexander (regierte 222 - 235 n. Chr.) und dessen Mutter Julia Mamaea. Durch die Inschrift wird aber nicht der Portikus an sich datiert (wie lange angenommen), der schon in der ersten Bauphase entstand, sondern dessen erst zu diesem späteren Zeitpunkt hinzugefügter Architrav und Dach.

Cavea - Auditorium

Die ima cavea, der untere Bereich des Auditoriums für die Honoratioren, besteht aus 4 cunei (keilförmige Sitzblöcke) mit 14 Sitzreihen, ist strukturell mit dem Bühnengebäude verbunden und wurde noch vor der Umwidmung des Gebäudes zu einem Odeon erbaut (also vor 166 n. Chr). Auf der linken und der rechten Seite der ima cavea, oberhalb der hohen seitlichen Zugänge, gab es je ein maenianum (Balkon oder Rang).

Bei der späteren Erweiterung kam die summa cavea für das allgemeine Publikum hinzu. Sie bestand aus 8 cunei mit mindestens 8 Sitzreihen. Nach der letzten Ausbaustufe hat die cavea des Odeons ca. 1600 Menschen Platz geboten.

Die ima cavea und die summa cavea sind durch den praecinctio separiert, die hohe horizontale Mauer, in die Nischen mit halbrundem, muschelförmigem Abschluss eingefügt sind. In den praecinctio münden 5 vomitoria (von vomere - ausspeien), die oberen Zugänge zum Zuschauerbereich. Über die gesamte cavea konnte ein velum gezogen werden, ein an Kabeln aufgehängtes Sonnensegel.

Nischen in der praecinctio Mauer. Ein mit Reliefs geschmückter Pfeiler an der unteren rechten Ecke der ima cavea.

Die gut erhaltenen Inschriften auf den Sitzbänken des Odeons von Gerasa eröffnen auf einzigartige Weise Einsichten in das bürgerliche Leben einer antiken Stadt jener Zeit. Unter den dadurch für bestimmte Personengruppen reservierten Plätzen gibt es z.B. den Platz des Rates, die Phylen (Verwaltungseinheiten) des Zeus, Apollon, Herakles, Poseidon, Asklepios, der Aphrodite, Leo, Artemis, Athena, Demeter, Hera sowie den Platz der Weber. (Information aus Theatrum).

Das Bühnengebäude

Das Odeon hatte ein reich verziertes Bühnengebäude mit den üblichen drei Türen. Dessen gerade scaenae frons (Bühnenfront) aus weichem Kalkstein ist durch hohe Nischen mit rundem Abschluss und abwechselnd halbkreisförmigem und rechteckigem Grundriss gegliedert. Vor der Wand standen auf einem hohen Sockel die üblichen korinthischen Säulen der columnatio. Die scaenae frons war mit Malereien, Mosaiken, opus sectile (Muster aus Stücken geschnittener Steine und anderer Materialien) und Marmorverkleidungen verziert.

In den Architrav des unteren Portikus der scaenae frons wurde wohl zwischen 161 und 163 n. Chr. die Widmung an die gleichzeitig regierenden römischen Kaiser Marcus Aurelius und Lucius Verus (161 - 169 n. Chr.) eingemeißelt, in der das Gebäude als Odeon bezeichnet ist (dazu mehr weiter oben).

Nach der Vergrößerung der cavea durch die oberen Sitzreihen der summa cavea, musste auch das Bühnengebäude auf die gleich Höhe aufgestockt werden, damit die Beschattung durch ein velum angebracht werden konnte.

Das Odeon wurde bis ins 5./6. Jahrhundert für die ursprünglichen Zwecke genutzt. Aus umayyadischer Zeit (661- 750) stammen die Reste von acht Brennhöfen, die belegen, dass Töpfer in dem verlassenen Gebäude ihre Werkstätten eingerichtet hatten, bevor es durch das Erdbeben von 749 n. Chr. zerstört wurde.

Die anderen beiden Theater von Gerasa in UiU:

Südtheater

Birketein

(© Zusammenfassung von Universes in Universe aus Informationen in Seigne, Agusta-Boularot und anderen Quellen.)

Lage:

Nordtheater (Odeon)
Jerash Archeological City
Lage auf der Karte


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